Eine Legende zu neuem Leben erweckt (5124 Z)
Mitglieder der aktiven MG Linth wagen sich im Winterhalbjahr 19/20 an ein spezielles Projekt: Sie bauen das legendäre Segelflugmodell Cirrus von Graupner nach, aber nicht konventionell, sondern mit neuesten Materialien und optimierter Aerodynamik.
Wo tagsüber die Tuggener Schülerinnen und Schüler den Werkunterricht besuchen, wird abends getüftelt, gebaut und gefachsimpelt: Unter der Leitung von Sepp Mächler und dem «Baubeauftragten» der Modellfluggruppe Linth, Kurt Bamert, treffen sich rund 12 begeisterte Modellflugpiloten alle zwei Wochen. Jeder von ihnen baut ein Modell des Segelfliegers Cirrus. An zehn Abenden werden sie in die nächsten Schritte des Bauprojekts eingeweiht, diskutieren über die beste Bautechnik und tauschen Tipps und Tricks aus.
Der von Graupner 1969 herausgegebene Flieger mit einer Spannweite von rund drei Metern ist ein Klassiker und dem Serienflugzeug von Weltmeister Harro Wödl nachempfunden. Christoph Mächler, der Hauptinitiant des Projekts, wollte aber nicht einfach den legendären Flieger nachbauen, sondern etwas ganz Neues schaffen: «Unsere Mischbauweise, bei der CFK, also kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff, mit Balsaholz verkleidet wird, wurde so noch nie gesehen.» Die Idee dazu ist dem Unternehmer und Linienpiloten quasi «aus heiterem Himmel» gekommen: «Es reizte mich, ein Modell zu bauen, das von aussen wie das Original aussieht, aber einem modernen in nichts nachsteht.» Das Fliegen soll Spass machen – mit noch besseren Flugeigenschaften als die des Originals und mit Materialien, die auch bei extremen Flugmanövern, Flugfehlern oder Starkwind keinen Schaden nehmen. «Die Flügel des ursprünglichen Cirrus brauchen schon einmal auseinander, wenn man es in einer Kurve etwas übertrieb», erinnert sich Christoph, der schon über 50 verschiedene Modelle selber konstruiert und gebaut hat.
Zuerst war viel Denkarbeit angesagt: Wie lassen sich die einzelnen Bauteile von aussen unsichtbar mit Kohlenstofffasern verstärken? Wie viel dünner kann das Flügelprofil dadurch sein? Durch diese Bauart, die die klassische Modellbauweise mit neusten Materialien kombiniert, verbessern sich die aerodynamischen Eigenschaften und der Flieger ist noch leichter als das Original. Die gesamte Konstruktion ist optimiert,

hochgeschwindigkeitstauglich und allwetterfest. Die Holme sind aus CFK und in der Dimension nach Krafteinwirkung abgestuft, innen etwas dicker und gegen aussen dünner. Der Flügel weist offene Rippenflächen auf und ist nur vorne beplankt. Die – damalig optionalen – Querruder erhöhen die Agilität.
Obwohl Walti Gerber alle Bauteile mit CNC gefräst und Sepp viele davon bereits vorgängig mit CFK beschichtet hatte, dauert der Bau eines Cirrus in dieser neu entwickelten Bauweise rund 100 Stunden. Einer der Teilnehmer schmunzelt: «Gerade bei monotonen Arbeiten wie beim Bau der über 30 Rippen pro Flügel kann ich herrlich entspannen.» Wichtig ist den Modellflugpiloten, dass der Flieger original aussieht – da wird nicht geschummelt! So sind beispielsweise die originalen Hilfsholme unabdingbar, auch wenn sie aufgrund der besseren Materialien keinen konstruktiven Nutzen mehr aufweisen. Die Rippen werden nicht einfach durchbohrt und mit einem CFK-Rohr stabilisiert, sondern auf der ursprünglichen Konstruktion zweier Holmgurten aufgebaut, damit sie optisch dem Original entsprechen. Günstig sind die Materialien nicht, aber durch ihre Festigkeit werden sie den Piloten mit Sicherheit weniger Reparaturarbeiten bescheren als reine Balsaholzflieger – «so ein Flieger schont die Nerven», lacht ein Teilnehmer. Der Akku des Elektroantriebs liegt im Schwerpunkt des Fliegers; bei starkem Wind kann ein grösserer und somit schwererer Akku eingesetzt werden – clever!

Einige Teilnehmer des Kurses bringen zwar ihr Material mit, da sie gerade nicht weiterkommen oder es etwas zu «retten» gibt, aber der Grossteil der Arbeit erfolgt zu Hause. Auf sich allein gestellt sind die Tüftler dabei jedoch nicht: Dank der Slack-App, die ähnlich wie WhatsApp funktioniert, werden die wichtigsten Schritte

fotografisch festgehalten und dokumentiert. So entsteht nach und nach ein Archiv mit wertvollen Tricks und Kniffs. «Zuerst wollten wir Videos drehen, aber das hat sich als unpraktisch herausgestellt», so Christoph, früher mehrfacher Schweizer Meister in der Kategorie F3J und massgeblicher Mitentwickler der GPS-Triangle-Kategorie. Etwas kurz nachzuschauen habe sich als mühsam erwiesen und die Details seien in den Filmen zu wenig gut sichtbar gewesen. Hat nun jemand eine Frage, stellt er unkompliziert ein Bild seines Problems ins Slack und erhält umgehend Tipps von seinen Flugkollegen. Konzentriert machen sich die Modellbauer weiter an die Arbeit: Werden sich die Mühen lohnen? Die kommende Flugsaison wird es zeigen und die Vorfreude ist bereits spürbar. Ein solches Projekt schweisst zusammen, da sind sich die Teilnehmer einig. Ein gemeinsamer Flugtag, bei dem die frischgebackenen Cirrus-Piloten ihr Können unter Beweis stellen werden, ist bereits geplant und mit Sicherheit wird dabei auch das Gesellschaftliche nicht zu kurz kommen. ■
*Fotos Rahel Meister, Sprachwerk GmbH, Reto Diethelm und Christoph Mächler*

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