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Wie eine fast vergessene Geschichte ihr gutes Ende fand

von Emil Ch. Giezendanner
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Am 20. Mai 1927 startete Charles Augustus Lindbergh mit seiner «Spirit of St. Louis» im New Yorker Roosevelt Field zum Alleinflug und landete 33 Stunden später in Paris Le Bourget. Diese Fliegerleistung bewegte damals die Welt. So gab es auch immer wieder Modellflieger, die entweder versuchten den Atlantik zu überqueren – zum Beispiel erfolgreich Maynard Hill, USA 2003, – oder ein flugtüchtiges Modell der «Spirit of St. Louis» zu bauen. Originalfoto von 1974.



Zürichsee

Vielleicht bei einem Gläschen?

Wie schon oft, kommen die besten – vielleicht auch die dümmsten – Ideen bei einem guten Gläschen zustande. Etwas vereinfacht «Bieridee» genannt. So könnte es gewesen sein, als Anno Domini 1974 zwei ältere Herren und ein jüngerer beschlossen, den Lindbergh-Flug nach fast fünfzig Jahren – diesmal über dem Zürichsee – zu wiederholen.


Vorbildliche Teamarbeit

Wie viele Modellflieger am Bau der «Spirit of St. Louis» beteiligt waren, lässt sich nicht mehr genau ermitteln. Es müssen viele gewesen sein. Jeder von ihnen hatte einen bestimmten Teil des Modells zu übernehmen. Da waren die Holzarbeiten, das Fahrwerk, Tank und Motor oder Bespannung und Farbgebung. Der Jüngere soll als erfahrener Modellbauer und RC-Kunstflieger – damals «RCMM» und nicht RC1 genannt – für die Gesamtleitung und damit sowohl für die notwendigen Berechnungen als auch später für die ersten Flugversuche zuständig gewesen sein. Eine heikle Aufgabe war die Bestimmung der Treibstoffmenge. Schliesslich wollte man einen Flug- und nicht einen U-Boot-Rekord aufstellen...



Lange Strecke über dem Zürichsee

Damals wie heute gehörten und gehören Streckenflüge zu den ganz besonderen Herausforderungen des Modellflugs. Letztlich entscheidend ist die Motorlaufdauer und die Begleitung des Modells durch den Piloten. Das alles bedeutete eine genaue Vorbereitung des Abenteuers. Zur Flugplanung gehört in erster Linie einmal die Bestimmung des Start- und Landeplatzes sowie der Flugroute. Für die Begleitung des Flugs war ein Motorboot vorgesehen. Bald aber

mussten die Kollegen feststellen, dass das vorhandene Motorboot viel zu langsam war – bzw. das Modell zu schnell. Ein stärkeres und schnelleres Boot zu beschaffen war offenbar die einfachere Lösung, als die Fluggeschwindigkeit der «Spirit of St. Louis» zu reduzieren.


...up, up and away

Am 19. Mai 1974 war es endlich so weit: Der Start erfolgte neben Tinguelys (nutzloser) Maschine namens Heureka. Das relativ freie und ebene Gelände beim Zürichhorn eignete sich besonders gut für den Start der doch schwer beladenen Maschine. Die Bootsplätze ganz in der Nähe halfen auch, den Übergang vom Land zum Was-



ser einigermassen problemlos zu bewerkstelligen. Mit dem erfahrenen Piloten im superschnellen Boesch-Boot ging der Flug zügig in Richtung Rapperswil. Die Organisatoren hatten vorgesehen, – wennschon dennschon – einen Retourflug



ohne Auftanken durchzuführen, dies mit einem Touch-and-Go auf dem Flugplatz Wangen-Lachen. Die Bodenberührung in Lachen wie auch Start und Landung wurden übrigens von einer unbestechlichen Jury überwacht. Wer sich bezüglich der Geografie des Zürichsees auskennt, weiss, dass der Rapperswiler Seedamm den unteren Teil des Sees vom Obersee trennt. Da sich der Flugplatz auf der Seite des Obersees befindet, musste der Damm über- und zugleich «unterwunden» werden. Bei Hurden besteht



eine kanalartige Durchfahrt für grössere Schiffe. Da zur damaligen Zeit niemand so genau wusste, wie sich das Flugzeug verhalten würde, wenn sich dessen Pilot mit seinem Sender unter dem Damm befindet, – Hold-Funktion gab es nicht – wurde der V-Achter des Bootes kurzzeitig so ziemlich «gekitzelt». Alles sei gut gegangen und die Crew samt Pilot sei schliesslich vom Ufer über Stock und Stein zur Piste geklettert und nach erfolgreicher Bodenberührung der «Spirit of St. Louis» wieder zurück ins Boot. Die US-Marines hätten ihre Freude gehabt. Vermutlich ist damals das Wort «Modellflugsport» entstanden. Über Rückflug und Landung versiegen meine Quellen. Offensichtlich ist das Ganze erfolgreich abgeschlossen worden – jedenfalls war das Modell unversehrt, was doch schon die halbe Wahrheit ist.


Verschwundenes Filmdokument

Die Idee, das ganze Abenteuer auch filmisch zu dokumentieren, lag wohl auf der Hand. Da die ganzen Video- und YouTube-Möglichkeiten, die heute aus jedem Laien einen Regisseur machen, noch nicht zur Verfügung standen, musste gefilmt werden (d.h. für die jüngere Leserschaft: eine bestimmte Anzahl Fotos pro Sekunde auf einen Zellophanstreifen bannen und dann mittels Projektor ablaufen lassen). Eine sehr aufwendige und nicht billige Geschichte (allerdings war die Filmerei im Amateurbereich etwas kostengünstiger, aber im Vergleich zur elektronischen Erfassung und Reproduktion sehr viel teurer). Doch mit Amateurgeräten wollte sich unsere Crew nicht abfinden. Der Film wurde schliesslich mit einer Profi-Ausrüstung vom Feinsten aufgenommen und eines Abends im Zürcher Kino Astoria vor mindestens 200 Besucherinnen und Besuchern aufgeführt. Leider ist das tolle und aufschlussreiche Dokument verschwunden. →



Die «Spirit» wieder zum Himmel steigen lassen

Das Modell Spirit of St. Louis wechselte in der Folge mehrmals seinen Lagerplatz. Geflogen ist es nie mehr. Kurz vor dem Tod des letzten Initianten gelangte es ziemlich stark mitgenommen in die Hände von Werner Elsig, Mitglied der MG Zürich, mit dem Wunsch, den Oldtimer zu restaurieren und noch einmal in den Himmel steigen zu lassen. Als erfahrener Modellbauer und Handwerker erkannte Werni auf Anhieb den desolaten Zustand des lang gelagerten Modells. Nur verständlich, dass er dieses zuerst einmal in Quarantäne in einer Scheune neben anderen, bedauernswerten, ausrangierten Fliegern verbannte.


Neugier und Interesse an der Geschichte

Aber wie es halt so geht: Einmal fordert uns die Tatsache heraus, dass vor langer Zeit viele Kollegen und Pioniere interessante und herausragende Leistungen vollbracht haben. Denn wir wollen das genauer wissen. Aus dieser Neugier heraus werden bei uns immer mehr alte Modelle nachgebaut – oder eben restauriert. So gewinnen wir Einblick in den Modellbau alter Zeiten. Materialien, Bau- und Konstruktions-technik, Arbeitsaufwand ohne CAD und CNC usw.


Start der Überholung

Obwohl Werni Elsigs geschulstes Modellbauerauge den riesigen Aufwand und die handwerkliche Herausforderung rasch erkannt hat, wurde die Möglichkeit einer kompletten Erneuerung des Modells zusammen mit weiteren erfahrenen Modellbauern erwogen. Die Arbeiten begannen 2008 und waren aufwendig. Dies geht unschwer aus den Fotos hervor. Das ganze Modell war schmierig und mit öligem Treibstoff vollgesaugt. Die Entfernung der Bespannung und der Ersatz durchtränkter Holzteile waren nicht ganz einfache Aufgaben. Wer schon alte bespannte Flügel «austuchen» wollte, kann die äusserst mühsame Arbeit nachempfinden. Schon bald wurde entschie-



den, das Modell mit einem Elektromotor auszurüsten. Für das sorgfältige Bespannen, die Motorattrappe sowie auch für die Beschriftungen wurden alte Originalfotos herangezogen.


Ein paar Daten zur überholten «Spirit of St. Louis»
Spannweite:2 m
Länge:1,270 m
Gewicht:4,7 kg
Motor:AXI Aussenläufer
ATC-Kreisel

...und zur Ruhe gelangte das Modell im Verkehrshaus der Schweiz

Endlich konnte dann die wieder im alten Glanz erstrahlte Maschine die Werkstatt verlassen. Der Erstflug, – oder mit dem Rekordflug der zweite – gesteuert von Hans Bühr, fand am 15. Februar 2010 auf dem Flugplatz Dübendorf statt. Nach

einigen kitzligen Situationen war das Modell perfekt ausgetrimmt und erfreute die Oldie-Szene. Nun, was tun mit dieser Maschine? Gute Idee, das schöne Modell in der Modellflugausstellung des Verkehrshauses zu präsentieren. Dort verbindet sie Geschichte und Gegenwart zur Freude von Jung und Alt.


Emil Ch. Giezendanner
Fotos: Werner Elsig und
weitere


Anmerkungen

Für die Unterstützung im Zusammenhang mit diesem Bericht möchte ich mich bei folgenden Kollegen herzlich bedanken: Werner Elsig, Walter Wuhrmann, Henry Wydler, Claude Suter, Matthias Bosshard und Hans Bühr. Die Namen verstorbener am Projekt Beteiligter habe ich bewusst weggelassen.




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