Titelstory

Old Gliders – Nachbau und Flüge

von Emil Ch. Giezendanner
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Der Nachbau alter Segelflugzeuge erlebt zurzeit einen eigentlichen Boom. Dies hat nicht zuletzt mit der computergestützten Konstruktion CAD sowie der damit zusammenhängenden Produktion von Holzbauteilen – Fräs- oder Laserbausätzen – zu tun. Fertig hergestellte Rippen- und Spanntensätze erleichtern den Bau von oftmals komplizierteren Oldtimer- oder Vintage-Segelmodellen. Eine weitere Erleichterung stellt die grosse Zahl an Archiven mit Bildern, Texten sowie auch Originalplänen dar.


Die Vorgeschichte

Sir George Cayley, 6. Baronet, ein britischer Ingenieur, wird als «Erfinder» des Hängegleiters bezeichnet (1858). Otto Lilienthal (geboren 1848 in Anklam, Deutschland) gilt als eigentlicher Pionier des Segelflugs sowie auch als Vorbereiter der modernen Luftfahrt. Mit der Erfahrung von über 2000 Flugversuchen auf verschiedenen Geländen bis zu einer Höhe von 110 m und Gleitflügen von 20 bis zu 250 m entwickelte er 1893 ein Gleitflugzeug, das als erstes Flugzeug der Geschichte patentiert, produziert und verkauft wurde.

Die Pionierleistungen von Lilienthal sollen grossen Einfluss auf die Arbeiten der Gebrüder Wright (USA) gehabt haben. Bereits 1900 bauten die Gebrüder Orville und Wilbur Wright ein Doppeldecker-Gleitflugzeug. Dieses funktionierte ähnlich wie ein Drachen. Zu den grossen Neuheiten (1902) gehörte ihre Entwicklung der aerodynamischen Steuerung um alle drei Achsen. 1911 wurden weitere Versuche mit motorlosen Gleitern im Küstenwind der Dünen von Kitty Hawk unternommen. Am 24. Oktober gelang ein Flug von 9 Minuten und 45 Sekunden. Es mag viele erstaunen, dass die Erfinder des Motorflugs sich auch dem Gleit- und Segelflug gewidmet haben.


Die ersten Segelflugzeugkonstrukteure

Die Liste all dieser Pioniere ist lang. Der Deutsche Ferdinand Schulz (1892 bis 1929) gilt als Pionier des Segelflugs. 1927 soll er alle Segelflugweltrekorde gehalten haben. Sieben seiner Konstruktionen – «Besenkiste» – gingen in die Segelfluggeschichte ein. Zu den ganz Grossen müssen Alexander Schleicher mit seinem selbstgebauten «Hol's der Teufel» und die von ihm gegründete Alexander Schleicher GmbH gezählt werden. Nach Lockerungen des nach dem Krieg verhängten Flugzeugbauverbots hat die Firma verschiedene Segelflugzeuge gebaut, angefangen vom «Grunau Baby» bis zur «Rhönlerche I» – Alexanders Schleichers letzter Konstruktion. Weitere bekannte Namen sind Wolf Hirth und Martin Schempp. Die von ihnen gegründete Firma Schempp-Hirth lancierte schon bald erfolgreich Flugzeuge, wie zum Beispiel die «Gö-1 Wolf» (1935), die «Gö-3 Minimoa» oder die «Gö-4» (1937). Die in Lizenz gebaute «Standard Austria S» wurde an der WM 1960 mit dem Wissenschaftspreis ausgezeichnet. Der 1940 geborene Klaus Holighaus war für die Firma Schempp-Hirth ein grosser Gewinn. Er begann als Modellflieger und erzielte 1959 mit einem RC-Segelflugmodell einen Dauerflugrekord von 6 Stunden und 11 Minuten. Sein «Nimbus-1» mit 22 m und Wölbklappenprofil wurde 1970 Weltmeister. Nun folgte der «Cirrus» in mehreren Versionen. Damit soll er den Grundstein für eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit gelegt haben. Dazu kamen diverse Europa- und Deutsche Meistertitel. 1977 wurde er zum Alleinhaber der Firma Schempp-Hirt.



2 Sir George Cayley, 6. Baronet: Nachbau eines Gleiters (um 1850).
3 Otto-Lilienthal
4 Lilienthal-Museum: Nachbau des ersten Segelflugzeugs um 1895.
5 Gleitversuche Lilienthal.
6 Gleiter der Gebrüder Wright in den Dünen von Kitty Hawk.
7 Konstruktion Wright.



Schulz «F.S.3 Besenstiel».



«Grunau Baby III».



Schempp-Hirth «Gö-3 Minimoa».



Alexander Schleichers «Hol's der Teufel».


Die Schweiz im Fokus

Segelflugzeugbauer im «Nebenamt» könnte man den Segelflugzeugbau in der Schweiz nennen. Viele Flugzeuge entstanden in Kleinwerkstätten. Bereits 1926 baute Jakob Spalinger die «S9». 1929 gelang mit dem Flugzeug ein richtiger Segelflug mit Überhöhung ab Startstelle von 55 m. Von Spalingers «S15k» (1944) wurden 20 Stück gebaut. Schon früh 1930 konstruierte August Hug die «Spyr I». Im Rahmen des berühmten Segelflugstarts auf dem Jungfraujoch (1931) wurde mit der «Spyr I» ein Streckenrekord von 52 km geflogen. Seine «Spyr IV» (Erstflug 1941) war als Hochleistungsflugzeug konzipiert. Die Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein entwickelten die «HBV Diamant», Erstflug 1964. Dabei kamen hauptsächlich Kunstharze zum Einsatz. Die Pilatuswerke bauten das Ganzmetallflugzeug «B-4». Der Erstflug des B-4-Prototyps fand 1966 statt. Verschiedene Lizenzen wurden vergeben und insgesamt sollen über 300 Stück verkauft worden sein.



August Hugs «Spyr 1» (1941).



«HBV Diamant» der FFA Altenrhein und Glasflügel.


Modellflieger lassen die alten Zeiten neu aufleben

Bau- und Flugberichten können wir immer wieder entnehmen, dass Modellflieger auf ähnliche Probleme stossen, wie sie schon unsere Vorfahren kannten. Studium und Bau von Oldtimer-RC-Segelmodellen – ganz aus Holz – sind anspruchsvolle, aber wunderschöne Erlebnisse. Schon ab ca. 1970 und früher entstanden in der Schweiz mehrere Scale-Segelmodelle. Es waren Nachbauten alter Segelflugzeuge bis zurück in die Jahre 1920 bis 1950 (geschätzt). Die Szene der Vintage Gliders wächst stetig, wobei – wie eingangs erwähnt – CAD und Frästechniken in den letzten Jahren das Ganze beschleunigten. Schon früh mit Laubsäge, Balsamesser und alten Bauplänen wurden schöne Nachbauten hervorgebracht, deren Grössen beeindruckten. Modellflieger zeigen sich immer wieder überrascht, wie unsere Vorfahren konstruktive Lösungen erarbeitet haben, die sich bis zum heutigen Tag bewähren. Das muss uns tief beeindrucken.


Von Glanzlichtern und Leuchttürmen

Wie eingangs erwähnt, ist es schwierig, einen Überblick über die Old-Glider-Szene mit ihren vielen RC-Segelflug-Scale-Modellen zu gewinnen. Dass einzelne erfolgreiche Kollegen dabei unerwähnt bleiben, lässt sich kaum vermeiden. Nahezu seit der Gründungszeit unserer Zeitschrift «modell flugsport» (1971) haben Liebhaber alter manntagender Segelflugzeuge immer wieder wunderschöne Nachbauten hervorgebracht – und zwar ohne Spannten- und Rippensätze. Vor 1980 sind mir leider keine Bauberichte von Oldi-Gliders bekannt. Danach aber ging's los. MFS kann auf eine lange Liste von erfolgreichen Bau- und Flugberichten zurückblicken. Hier ein paar Beispiele:

  • MFS 5-1982: Fafnir von Hans Dürst. Titelbild und Kurzbeschreibung.
  • MFS 4-1987: Moswey III. Bau- und Flugbericht von Georg Staub.
  • MFS 3-1988: ASK 18 von Angelo Beltrame (1988). Titelbild und Kurzbeschreibung.
  • MFS 2-1999: Spalinger S18 III. Bau- und Flugbericht von Georg Staub.
  • MFS 4-2004: Maxi-Minimoa von Dominique Baer.
  • Usw.

Später hat Georg Staub über Erfahrungen mit der «Spalinger S 18 III» berichtet (1999) oder über den Bau der Pfenninger Elfe 2 (MFS 4/2017). Erwähnt sind auch die Minimoa von Alois Bühlmann. Der «Zürivogel» – Konstruktion 1922 – wurde von Max Pfenniger erbaut. Dazu kommen Konstruktionen – meistens sehr grosser Modelle – von Patrick Trauffer und Markus Frey.



Pfenninger Elfe 2 von Georg Staub.



Erbauer Daniel Hirscher aus Österreich.


Müswangen 23.

Initiant des Oldtimertreffens in Müswangen, Markus Frey, hat mit seinem wunderschönen Anlass Einblicke in die alten Zeiten gegeben und den modernen RC-Segelflug gefördert.



*IG Albatros:* Zu den Leuchttürmen zähle ich die riesige Arbeit der IG Albatros. Man staune: Bereits vor mehr als einem Vierteljahrhundert (1997) hat Peter Ziegler den Bericht «Schleppfliegen der IG Albatros» verfasst. Darin wurden mit Bild und Text die Modelle

  • Spalinger S 18 Chouka von Ernst Gerber,
  • «Minimoa» von Bruno Hinnis,
  • Föschungs-Segelflugzeug «OBS» von Markus Hirschi,
  • Spalinger S15 von Beat Jäggi,
  • die Scheibe «Mü 13 E» von Alfred Genther
  • und anderer ausländischer Piloten kurz vorgestellt.

Das Plan- und Fotoarchiv ist eine grossartige Leistung der IG Albatros und das jährliche Programm eindrücklich und abwechslungsreich (siehe auch MFS-Calendarium).


*Internationales Oldtimer-Modellsegelflugtreffen Müswangen:* Als zweiter Leuchtturm der Schweizer Oldtimer-Szene muss unbedingt das internationale Oldtimer-Modellsegelflugtreffen des MV Müswangen erwähnt werden. Der ganze vielgerühmte Anlass wird von Markus Frey geleitet. Er baut und fliegt selber spannende, oftmals ganz spezielle Oldtimer. Ein grosser Gewinn für den schönen Anlass ist die Zusammenarbeit mit der Stiftung Segelflug-Geschichte. Mir ist keine Organisation bekannt, wo Modellflug und manntagender Segelflug so eng zusammengehen – ein Blitzlicht war sicher die Jubiläumsfeier der Modellsegelfluggruppe Alp Scheidegg.


Geburt eines Oldtimer-RC-Seglers – gedacht zur Motivation

Der Appetit kommt mit dem Essen. Dieses Sprichwort scheint sich für Patrick Stahel zu bewahrheiten. Nach verschiedenen gut gelungenen Bausätzen kam der Bausatz einer Bergfalke auf die Wunschliste. Das Modell kam dann nach längerer Wartezeit per Post an – und los ging's. Erstaunlich ist der sehr filigrane Aufbau des Modells. Sicher ist, dass die Konstrukteure schon sehr früh wussten, dass es sich lohnt, möglichst leicht zu bauen. Die nachfolgenden Bilder benötigen kaum Beschreibungen. Das Flugbild ist wunderschön. ■

Fotos: Markus Nussbaumer, Patrick Stahel



Filigraner Rumpfbau.



Geduldsprobe «Flügel».



Eindrückliches Werk.


Technische Daten «Minimoa»:
Massstab:1:1,7
Spannweite:10 Meter
Länge:4,2 Meter
Gewicht:24,560 kg
Fläche:600 dm2
Flächenbelastung:40,9 g/dm2



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