Modellflieger in aviatischen Berufen
In den Sommerferien hatte ich das Vergnügen mit Martin Waser im Tessin auf dem Hausberg der MG Wehntal (nicht der Monte Lema) bei kräftigem Nordföhn dem Modellsegelflug zu frönen.
Zufällig hatten wir beide den gleichen Besenstiel mit 3,3 m Spannweite und eingebauter Elektrothermik für alle Fälle. Wer schon bei kräftigem Nordföhn an einem der Tessinerhänge geflogen ist, weiss, was da abgeht. Für Martin war es das erste Mal an dieser Hangkante und er war entsprechend begeistert. Dass der Schalter für den Elektroantrieb nie betätigt werden musste, versteht sich von selbst, denn wenn man das Vollcarbonmodell aus gewaltiger Höhe fast senkrecht ins Tal schiessen liess, war man nach dem Hochziehen und ein paar Rollen auch schon wieder auf der Ausgangshöhe. Da war denn auch bei den beiden distinguierten und nicht mehr ganz jungen Herren, die allein an der Hangkannte standen, das Wort geil mehrmals zu hören. Nachdem die beiden Segler alle Landungen heil überstanden hatten und Martins Frau, Jackie, jede Menge Bilder geschossen hatte, machten wir uns zufrieden auf den Heimweg nach Grono im Misox.
Martin hatte ich vor ein paar Jahren bei einer Firmenzüglete kennen gelernt und wusste von ihm, dass er Berufs- wie auch Modellflugpilot ist, in Dubai lebt und für Emirates fliegt. Als ich von ihm erfuhr, dass er als erster Schweizer den Airbus A380 fliegt, war für mich klar, dass das auch andere interessieren könnte. So sassen wir nach dem Abendessen bei einem guten Glas Merlot zusammen und Martin erzählte mir aus seinem Fliegerleben. Vom Virus Fliegen wurde Martin bereits im Alter von acht Jahren infiziert, als er sein erstes Flugmodell, den kleinen Uhu, baute. Mit 10 trat er in die MG Luzern ein, erhielt von seinem Vater, der ihn förderte, seine erste Fernsteuerung, eine MRC, und begann mit seinem selbstgebauten Charter den ferngesteuerten Modellflug. Ab 13 Jahren war Martin an den Wochenenden mehrheitlich auf dem Flugplatz Buttwil zu finden, wo er sich als Helfer nützlich machte und zur Belohnung auf dem Spier 5A mitfliegen durfte. Mit 16 machte er seinen ersten Alleinflug auf einer Röhnlerche und ein Jahr später das Segelfluggbrevet.
Seine berufliche Laufbahn begann mit einer Lehre als Automechaniker. Nach dem Lehrabschluss ging er als Flugzeugmechaniker nach Bern zu Air-Base und finanzierte mit einem Wochenendjob bei Gribair sein PPL Brevet. Seine weiteren Tätigkeiten am Boden waren 4 Jahre Werkstattchef bei Aeromechanica im Tessin, ab 1989 4 Jahre SR Technik, davon eine Zeitlang als Stationsmechaniker in London. Ab 1993 machte Martin seine B IFR Ausbildung bei Horizon und 1995 sein B IFR Brevet, was ihm ermöglichte seinen Traum wahr zu machen und bei Crossair auf dem Saab 2000 als Berufspilot zu fliegen.
Ab 1997 arbeitete er zusätzlich als IFR Instruktor bei der SLS, bewarb sich ein Jahr später bei der Swissair und schaffte die Selektion. 1999 bis zum Grounding 2001 flog er bei Swissair auf der A320 Familie. Nach dem Grounding flog

Martin bei Crossair, später swiss auf dem Embraer 145, bis wieder die Piloten mit den wenigsten Dienstjahren entlassen wurden. Als Captain Fokker 100 stand Martin anschliessend drei Jahre im Dienst von Germania Express und Helvetic, bevor er sich 2006 nach Dubai verabschiedete und bei Emirates auf dem A330/A340 als Kopilot anheuerte. Im September 2008 erhielt Martin die Chance sich als erster Schweizer Pilot auf den A380 umschulen zu lassen. Seit Indienststellung dieses Riesenvogels bei Emirates sitzt er als Kopilot auf dem rechten Sitz vor den Bildschirmen. Darauf angesprochen wie sich dieses Flugzeug fliegt, antwortet Martin: Angenehm, einfacher gehts nicht, einzig wenn man aussteigt, erschrickt man, wie viel Flugzeug hinter einem war.
Wer nun glaubt, ein A380 befriedige ein Pilotenherz vollständig, irrt sich gewaltig, denn Martin ist nach wie vor ein angefressener Modellflieger und betreibt sein Hobby auch in Dubai und wenn er hier ist mit

Gleichgesinnten. Leider hielt seine Frau, die er 1992 heiratete, nicht viel von seinem Hobby, was bei ihm zu erheblichen Entzugserscheinungen führte und seiner Zufriedenheit nicht unbedingt förderlich war. Erst Ende 2001 schloss er sich wieder einem Modellflugverein an. Zuerst der MG Unterland und zum Segelfliegen dem MV Müswangen. Martin ist ein Sonntagsflieger, der alles fliegt, was Spass macht. Ein Blick in seinen Bastelraum und Modellflieger-Hangar im 58. Stock, ca. 200 m über Grund in seiner Wohnung in Dubai, wo man vom Segler bis zum Jet alles findet, beweist es. Und seine zweite Frau Jackie hat auch nichts gegen Modellflug, was sie natürlich bei uns Modellfliegern noch sympatischer macht.
In Dubai gibt es übrigens zwei Modellflugplätze mit Hartbelagpisten, die so breit sind, dass sich mancher hiesige Modellflieger freuen würde, seine Hartbelagpiste hätte diese Länge. Einige der Piloten in weisser Jellabia, die dort fliegen, erscheinen jeweils mit einem Team von Mechanikern, die für den Chef alles vorbereiten und allenfalls auch die Trümmer räumen. Zum Glück können wir uns hier nur einen freiwilligen Helfer leisten und müssen uns um alles selbst kümmern. Das Negative am Modellfliegen in Dubai: Es kann verdammt heiss werden und es gibt keine Hangkanten mit Nordföhn, dafür hin und wieder einen kleinen Sandsturm. Die Geschichte, die mir Martin erzählte von einer Fliegerkarriere, die erkämpft werden musste, fand meinen grossen Respekt. Ich freue mich schon heute darauf, mit Martin ein nächstes Mal an besagter Hangkannte im Tessin bei Nordföhn oder südlicher Thermik mit einem Segler herumzukurven oder sagen wir besser, herumzuheizen.


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