Titelstory

Zum Verlieben hässlich

von Rolf Fritschi
4

Mann, ist der hässlich. Mein erster Eindruck, weit entfernt von Liebe auf den ersten Blick. Als jugendliche Segelflieger beobachteten wir den Anflug des Fieseler Storchs auf unser Segelflugfeld im Schmerlat. Steiler Anflug, kurze Landung. Kaum ausgerollt, schon abgedreht und parkiert, verlor der Propeller an Schwung, kam die Latte zum Stehen.


Keine Liebe auf den ersten Blick

Ein etwas älterer, zufrieden wirkender Pilot hievt sich aus dem Sitz und kletterte aus dem Storch wie von einem Hochsitz. Wir begrüßten den Piloten und nutzten die Gelegenheit, den Flieger doch etwas genauer zu begutachten. Stahlrohre, Tuchbespannung, Vorflügel aus Aluminium, alles wirkte unharmatisch, kantig. Für uns nicht stimmig, oder einfach nur hässlich. Weder die STOL-Eigenschaften noch die Möglichkeit zum Seglerschlepp konnte uns umstimmen. Bestätigt hat unser finales Verdikt die Fahrradkette mit Kurbel, zur Betätigung der Landeklappen, an der rechten Cockpitseite. Kein Vergleich zu den fast spaltlos verstellbaren Wölbklappen der modernen Segelflieger. So was geht gar nicht...

Mit etwas Wohlwollen kann diese Einschätzung der pubertären Verwirrung zugeschrieben werden. Wir besassen zwar einen Segelflugschein, für den Autoführerschein aber waren wir noch zu jung.

Heute, fast vierzig Jahre später, betrachtete ich den Fieseler F156 Storch mit anderen Augen. Aus hässlich wird eher speziell oder zweckoptimiert und plötzlich macht einiges Sinn, ja scheint sogar genial. So keimt seit Längerem in mir der Gedanke an einen «Storch» als Modell.


Studium und Varianten

Das Studium der gesammelten Unterlagen soll helfen, die für mich beste Variante zu finden. Der arbeitslose Moki 215 ist gedanklich häufig mit von der Partie. Somit wird auch die Sternmotoren-Version, später in Lizenz von Morane Saulnier als MS 505 gebaut, in Betracht gezogen. Obwohl der Fieseler Fi 156 Storch und der Morane Saulnier MS 505 mit Sternmotor auf den ersten Blick sehr viele Gemeinsamkeiten haben, stelle ich nach und nach fest, dass sie sich im Detail doch erheblich voneinander unterscheiden. Die Morane Saulnier ist in der Rumpfkonstruktion bis auf wenige Details identisch mit der Fieseler-Variante. Die ursprüngliche Holzkonstruktion der Flügel und des Leitwerks wurden durch eine widerstandsfähigere Aluminiumkonstruktion ersetzt. Die Einstiegstüre ist bei der Fieseler-Version an der Seite, bei der Morane wurde diese oben angeschlagen. Möglichst nahe am Vorbild soll die Fieseler-Version liegen, die Morane-Variante bleibt ein Kompromiss.

Mir sticht die Schweizer Version mit den rot-weißen Neutralitätsstreifen ins Auge. Die A99 von 1944. Nicht ganz erschliesst sich der Werdegang des Flugzeuges. Da widersprechen sich diverse Quellen. Einmal ist es die annektierte HB-ARU oder eine notgelandete deutsche Maschine. Klar scheint, es handelt sich um eine Fieseler-F156-c3-Variante. Die Farbdokumentation basiert auf der Recherche von Steve Evans, sein Modell wird in der Publikation The Fieseler Storch von Richard A. Franks gezeigt. Er vermerkt, vermutlich zu Recht, das «weathering» soll sehr moderat gemacht werden, da die Maschine gut gewartet wurde. Auch die rot-weißen Streifen wurden sorgfältig aufgebracht. Kein Vergleich zu den hastig aufgetragenen, weiss-schwarzen Invasionsstreifen der alliierten Luftstreitkräfte. Auch Vergleiche mit den Recherchen von Georg Hoch und Hans-Jürgen Fischer ergeben nur kleine Unterschiede und somit ein plausibles Bild der Bemalung.



Stahlrohrumpf?

Storchschmiede und Paulo Severins Storch von Toni Clark werden als Möglichkeiten geprüft. Auch ein kompletter Eigenbau wird nicht gänzlich ausgeschlossen. Die gewünschte 1:4-Grösse ist zu klein für den 215-Stern. Somit fällt der sehr schöne Severin-Storch-Bausatz weg. Massstab 1:3 wird über 25 kg. Der Storchschmiede-Storch 1:3,5 passt da sehr gut, weshalb ich mich für diesen entscheide. Der Bausatz wurde schon öfters beschrieben und gelobt, da gibt es nichts hinzuzufügen. Ich kann mich dem Lob nur anschliessen. Auch die Konturen des Storchs hat Alfred Brenzig von Storchschmiede stimmig getroffen. Einzig mit dem GFK-Rumpf kann ich mich nicht so richtig anfreunden. Mich reizt der Bau eines Stahlrohrumpfes. Leider fehlen mir aber die passenden Zeichnungen der Rumpfkonstruktion. Aus diversen Manuals kann zwar die Bauweise recht gut nachvollzogen werden, die finale Bestätigung fehlt aber. Diverse Anfragen an Besitzer eines original Storchs bleiben ohne Antwort oder brauchbare Ergebnisse.

Umso mehr freute mich eine Antwort von Tor Nørstegård () mit Detailzeichnungen vom Rumpfgerüst und aufschlussreichen Bildern. Mit der nun vorhandenen Dokumentation steht der Konstruktion des Stahlrohrumpfes nichts mehr im Weg.



Konstruktion und Bau

Mit dem Ziel, möglichst die gleichen Baumaterialien wie beim Original zu verwenden, wird der ganze Rumpf im CAD gezeichnet. Die Pläne von Claudio Volpi dienen als Vergleich.

Die Rumpfkonstruktion besteht aus Edelstahlrohren mit einem Durchmesser von 4 mm bis 10 mm und einer Wandstärke von 0,25 mm. Diese werden mit Silberhartlot verlötet. Die Frontpartie ist aus 0,5-mm-Aluminium gebogen, getrieben und zusammenge Nietet. Nahe an die originale Rumpfkonstruktion angelehnt, entsteht so relativ schnell eine leichte und stabile Rumpfkonstruktion. Alle Verbindungspunkte, wie die Fahrwerksbefestigung oder die Anschlüsse der Flügelstreben, werden CAD-gezeichnet und als 3D-Druck in Stahl in Auftrag gegeben. An der Flügel- und Leitwerkskonstruktion muss nichts verändert werden. Diese entstehen out of the box, was ein Baugenuss ist, da die Vorgehensweise durchdacht ist und alle Teile perfekt zusammenpassen. Bei meinem Modell lassen sich die Flügel wie im Original nach hinten wegklappen. So kann ich den aufgebauten Flieger in meinem Lieferwagen transportieren. Als Gelenklagerungen kommen Metallkugelgelenklager zum Einsatz.


... und die Details

Die treibhausartige Verglasung des Piloten- und Passagierbereichs lässt einen fast uneingeschränkten Blick auf das Cockpit zu. Dieses ist relativ einfach gehalten, bietet aber ein paar Blickfänge. Das holzumrahmte, grosse Trimmrad, die Fahrradkettenkurbel der Landeklappenverstellung sowie der dominant wirkende Piloten- und der Passagiersitz. All das habe ich mit hohem Wiedererkennungswert nachgebaut.

Da ich keine käuflichen Instrumente im Massstab 1:3,5 gefunden habe, ist auch hier Eigeninitiative gefragt. Massstäblich werden die Instrumentenmasse im CAD verkleinert, Rahmen 3D-gedruckt und Scheibengläser geätzt. In PowerPoint werden die Zifferblätter skaliert und ausgedruckt. Seitenruderpedale und Instrumentengehäuse werden massstäblich im CAD gezeichnet und auch 3D-gedruckt. So entstehen auch die Radfelgen mit integrierten, elektrischen Bremsen. Der Reifen ist von einem Sullivan-light-Rad mit ca. 160 mm Durchmesser. Bespannt habe ich das Modell mit Ora-cover-Silber mit Zackenband von Toni Clark. Rippennähte werden mit einem Inlay aus Faden und Bespannstoffstreifen imitiert.

Mit etwas Koordination geht die Bespannarbeit recht zügig voran. Die Fensterscheiben werden zugeschnitten und mit Bespannmaterial in die Rahmenkonstruktion eingeklebt. Die beschriebene Vorgehensweise verleiht dem Modell etwas mehr Charakter und lässt die eingesetzten Scheiben authentisch aussehen. Nüchtern betrachtet, liegt der im Baukasten enthaltene GFK-Rumpf auch sehr nahe an einer massstäblichen Verkleinerung, wirkt aber durch seine Steifheit etwas leblos. Das Stahlrohrinnenleben im Cockpit-Bereich bleibt ein wahrer Blickfang.



Antriebsvarianten und Flug Erfahrungen

Ich baue die Fieseler F156-Storch-Variante mit Elektroantrieb. 12s mit Jeti opto 300 und Leomotion Big Boy liefern die gewünschte Leistung. Eine austauschbare Frontpartie ermöglicht einen schnellen Umbau auf die Sternmotorvariante, bei welcher der Moki 215 und später ein Vachach-VM-R5-250-Sternmotor zum Einsatz kommt.

Die Elektro-«Langnasen»-Fieseler Storch hat ein Abfluggewicht von ca 23 kg. Bestechend, jeder Zacken am Gasknüppel ändert die Drehzahl und Anflüge werden zum Genuss. Landungen werden durch den weiten Federweg fast ausnahmslos weich und haben eine sehr kurze Ausrollstrecke. Ein Storch-typischer Anflug mit kurzer Landung braucht dennoch etwas Übung. Die Morane-Sternmotorenversion besticht durch «endless power» und einen angenehm sonoren, tiefen Motorklang. Die Morane-Version liegt mit gefüllten Flächentanks leicht über 23 kg Abfluggewicht.

Langsames Fliegen entspricht der konstruktiven Auslegung des Modells, braucht etwas Überwindung, da ungewohnt langsames Fliegen ohne Strömungsabriss möglich ist.

Beide Versionen bieten Flugspass pur, ein Blick ins Cockpit lässt den etwas höheren Bauaufwand schnell vergessen.




Alle Kategorien anzeigen →

AKTUELL

Sortieren Nach:
Weitere Beiträge →



An error has occurred. This application may no longer respond until reloaded. Reload 🗙