Können wir vom Adler lernen?
Der majestätisch im Aufwind kreisende Adler ist für uns der Inbegriff des vollkommenen Segelfliegers. In den Schweizer Alpen ist der Steinadler verbreitet. Sein wissenschaftlicher Name ist Aquila chrysaetos. Der durchschnittliche Bergwanderer und Feriengast bekommt allerdings diesen grössten Raubvogel unserer Breiten meist nur auf eine Entfernung zu Gesicht, aus der auch mit bewaffnetem Auge kaum Details zu erkennen sind. Zuweilen berichten Modellflieger von Begegnungen mit Adlern, die versucht haben, ferngesteuerte Segelmodelle durch Scheinangriffe aus ihrem Revier zu vertreiben.

Der Flug des Steinadlers wird im Handbuch der Vögel Mitteleuropas [1, S. 661 ff.] folgendermassen umschrieben:
«Segel- und Gleitflugspezialist, der selten im reinen Ruderflug zu beobachten ist. Bei Distanzflügen strebt er gewöhnlich nicht direkt seinem Ziel zu, sondern schraubt sich unter Ausnützung günstiger Aufwinde soweit hoch, dass er dieses möglichst in einem Mal im Gleitflug erreichen kann (bei ausreichendem Höhengewinn quert er auf diese Art die breitesten Alpentäler und gelangt beispielsweise im Hebridenmeer über Entfernungen von 13 km mühelos von Insel zu Insel). Unter Anpassung des Gleitwinkels und der Flügelhaltung (oft zur Hälfte gefaltet) bewegt er sich fast ebenso mühelos mit oder gegen den Wind; ausserdem kann die Gleitgeschwindigkeit ab und zu durch ein paar kräftige Flügelschläge erhöht werden. Kreist mit leicht nach vorn gedrückten, deutlich V-förmig über den Rücken erhobenen Flügeln, weit gespreizten und noch auffälliger als beim Mäusebussard aufgebogenen Handschwingenenden und dauernd sich bewegendem, bald weit gefächertem, bald eng zusammengelegtem Schwanz (im Gleitflug wirken die Flügel weniger eckig und der Schwanz ist geschlossen).»
Typische Flügelstellungen des segelnden Steinadlers sind in Abbildung 1 dargestellt. Die mit S bezeichneten Flugbilder entsprechen nach obiger Beschreibung dem Kreisflug, während das mit G bezeichnete Bild eher eine Gleitphase festhält. In welcher vielfältiger Weise die Flügel den unterschiedlichen Anforderungen des Segel- und Gleitfluges angepasst werden können, zeigt Abbildung 2 am Beispiel des Geiers, eines ebenso hervorragenden Seglers wie der Adler. (In unseren Alpen sind allerdings keine Geier zu beobachten!)
Der komplizierte Aufbau, die Beweglichkeit und die Einstellbarkeit des Adlerflügels sind erstaunlich. Der Arm, d.h. der Innenflügel, ist mit einem Flugzeugflügel vergleichbar. Die Hand dagegen, d.h. der Aussenflügel, ist mit ihren Schwingen für jede Flugphase optimal einstellbar. Einen Eindruck vom imposanten Flugapparat des Seeadlers gibt Abbildung 3.
Wird eine bewegte Luftmasse durch die Form des Geländereiefs in die Höhe gehoben, so entsteht der Hangaufwind. Bilden sich in diesem mehr oder weniger gleichmässigen Hangwind als Folge der Sonneneinstrahlung zusätzlich noch thermische Aufwinde, dann sprechen wir von Hangthermik. Je nach Geländeneigung, Stärke des Hangwindes und des thermischen Aufwindes steigen die Thermikbärte mehr oder weniger dem Hang entlang in die Höhe. Alle, die in den Alpen modellfliegen, sind mit dieser Situation vertraut. Sie ist ideal für die Beobachtung von in der Thermik segelnden Vögeln, denn diese steigen aus der Tiefe am Beobachter vorbei dem Himmel entgegen.
*Bild Keystone.*

Abbildung 1: Typische Flugstellung des Steinadlers.

Abbildung 2: Veränderlicher Flügelgrundriss.

Abbildung 3: Flugapparat des Seeadlers (*Haliaeetus albicilla*), 1 = Vorflügel (aus [2]).
Abbildung 4: Flügelstellung des Steinadlers.

Was stellen wir fest, wenn wir das Glück haben, einem Adler beim Segeln in der Hangthermik zuschauen zu dürfen? Bereits auf grössere Distanz sieht man genau, wie er seine Kreise versetzt, um immer im Bereich des maximalen Steigens zu bleiben. Beim Näherkommen ist im Feldstecher das Spiel der einzelnen Handschwingen zu erkennen. Wir konstatieren, dass der Vogel beim Wegkurven vom Hang und damit beim Eindrehen in den Wind die Handschwingen maximal spreizt. Sie bilden einen aus mehreren Einzelflügeln aufgebauten Schlitzflügel oder, wenn wir einen Begriff aus dem Turbomaschinenbau benützen, ein Flügelgitter. Diese Flügelhaltung entspricht den in Abbildung 1 mit S bezeichneten Flugbildern. Beim Einkurven gegen den Hang und damit beim Ausdrehen aus dem Wind werden die Handschwingen etwas zurückgelegt. Die einzelnen Schwungfedern überdecken sich grösstenteils und der Flügelgrundriss erhält eine gegen aussen etwas verjüngte Form, die mit dem Flugbild G in Abbildung 1 zu vergleichen ist. Diese beiden Phasen des Kurvenfluges, die als Gegenwind- und als Rückenwindphase bezeichnet werden können, zeigt nochmals Abbildung 4.
Aus den Flugbildern kann man schliessen, dass der Steigflug des Steinadlers in der Hangthermik instationär ist, denn in der Gegenwindphase fliegt er offensichtlich mit einem höheren Auftriebsbeiwert als in der Rückenwindphase. Der Vogel scheint gelernt zu haben, dass er mit dieser Flugtaktik rascher steigen kann, als wenn er mit möglichst konstant gehaltenem Auftriebsbeiwert fliegen würde.
Nehmen wir den Adler zum Vorbild und versuchen wir, es ihm gleichzutun! In einer analogen Aufwindsituation bedeutet dies für unsere RC-Segelmodelle: Erhöhen des Auftriebsbeiwertes in der Gegenwindphase durch leichtes «Ziehen» des Höhenruders und Verringern des Auftriebsbeiwertes durch leichtes «Nachdrücken» in der Rückenwindphase. Bei Modellen mit Wölbklappen kann man versuchen, den Klappenausschlag in der Gegenwindphase etwas zu vergrössern und in der Rückenwindphase etwas zu reduzieren. Vergessen wir ob diesen Flugmanövern das Wichtigste nicht, nämlich die konzentrierte Beobachtung des Modells und aller Wind- und Steuereinflüsse!
- [1] U.N. Glutz v. Blotzheim (Hrsg.), Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 4 Falconiformes Akad. Verlagsgesellschaft, Frankfurt 1971/1979
- [2] H. Hertel, Biologie und Technik – Struktur, Form, Bewegung Krausskopf-Verlag, Mainz 1963

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