Motor des Fortschritts
Spätestens seit dem Aussenläuferboom gibt es Modell-Elektromotorhersteller wie Sand am Meer. Vormals für preislich unschlagbar gehaltene Produkte aus Osteuropa werden längst in Ostasien in unterschiedlichsten Qualitäten kopiert und zu Dumpingpreisen auf den westlichen Markt geworfen. Lohnt es sich für einen Hersteller im klassischen Hochlohnland Deutschland da noch mitzumischen? Was muss er tun, um den zahllosen Fernostprodukten Paroli zu bieten? Ein Firmenbesuch bei Plettenberg im nordhessischen Baunatal sollte darüber Aufschluss geben.
Es gibt eine interessante Story, wie man bei Plettenbergs zum Motorbau kam: Dazu muss man natürlich wissen, dass Modellbau in der Familie Plettenberg schon immer eine wichtige Rolle spielte. Vater (Gerhard) Plettenberg war begeisterter Modellbootfahrer und nahm auch an Wettbewerben teil. Dort traf er Ende der 1970er-Jahre einen gewissen Heinz Keller, den Konstrukteur und Namensgeber der später legendären Kellermotoren. Dieser machte Furore mit seinen Motoren, bot diese sogar zum Kauf an, ohne den Ehrgeiz
allerdings, bei Lieferung und Service ähnlich erhabene Massstäbe setzen zu wollen wie beim Leistungsvermögen der Motoren. Die Legende – wahr oder zumindest gut erfunden – besagt, dass Vater Plettenberg damals aus purer Verzweiflung über die Lieferverszüge anfing, selbst Motoren mit dem neuartigen Magnetmaterial Samarium-Cobalt zu bauen. Der Erfolg, der dem Menschen nicht immer nur mit freundlicher Miene begegnet, sollte ihm wenige Jahre später bereits den Aufwand vergüten.

Seit 1983 befasst man sich bei Plettenberg kommerziell mit dem Bau von leistungsstarken Gleichstrom-Elektromotoren, anfangs weitestgehend für den Modellbausektor beschränkt. Inzwischen sind immer mehr Industrieabnehmer hinzugekommen. Das verlangt natürlich nach einem hohen Mass an Professionalität. Bei Plettenberg werden die Motoren daher nicht nur im eigenen Haus konstruiert und berechnet, sondern auch kontrolliert
und vermessen. Letzterem Zweck dient ein aufwändig konstruierter Prüfstand, auf welchem jede Neukonstruktion erst mal gnadenlos die «Hosen runterlassen» muss. «Der Mensch, er wächst mit seinen höheren Zwecken», meinte Friedrich Schiller. Motorprüfstände tun dies leider nicht, zumindest nicht ohne Zutun. So ist Uwe Plettenberg ständig mit Nachrüstung befasst. Das beginnt schon bei den Stromquellen, wo er inzwischen, der ständig wachsenden Ströme wegen, von elektronischen Netzgeräten wieder auf (offene) Nickel-Kadmium-Batterien umgestiegen ist.
Die Zeit, in der man bewährte Produkte jahrzehntelang produzieren konnte, sind auch auf dem Motorsektor unwiederbringlich passé. Vielmehr sind Nachfrageorientierung und Flexibilität gefragt. Durch die hohe Fertigungstiefe (nahezu alle Teile werden selbst gefertigt) kann man reagieren und kundenspezifisch produzieren. Dies heisst aber nicht, dass man in Baunatal jedem Modetrend hinterherlaufen würde. Bei Firmen mit professionellem Anspruch sind Neuerungen naturgemäss mit erheblichen Investitionen und der verfrühten Abschreibung von Fertigungsmaschinen verbunden. Für Plettenberg bedeutet dies, dass man mit Weitsicht plant und ausbaufähige Produkte favorisiert, die mit markttauglichen Alleinstellungsmerkmalen ausgestattet sind. Nahezu überflüssig zu erwähnen, dass Plettenbergmotoren aus dem Wettbewerbsgeschehen (F3B) seit Jahrzehnten nicht mehr wegzudenken sind. →

Uwe Plettenberg, Betriebsleiter und Entwickler, beschäftigt acht Vollzeitkräfte und weitere 15 Heimarbeiter. Frau Diana kümmert sich um Management und Buchhaltung.

Die grosse Wende auf dem Modellmotorenmarkt begann sich um das Jahr 1995 abzuzeichnen. Plettenberg hatte sich bis dahin – auch unter dem bei Graupner vertriebenen Label der «ULTRA»-Motoren – zum marktführenden Hersteller in Deutschland entwickelt. Doch der Fortschritt macht keine Ferien. Silizium statt Kohle lautete plötzlich die Devi-
se. Man hatte erkannt, dass sich unter Zuhilfenahme moderner Halbleiterelektronik Motoren viel einfacher und gleichzeitig leistungsfähiger bauen liessen. Und die fortschrittsgläubigen Amerikaner waren auch schon dabei, mit dem 4-polig konzipierten NASA-Abkömmling AVEOX den praktisch nachvollziehbaren Beweis hierfür anzutreten. Dieses Triebwerk wurde diesseits des Atlantiks in der Folgezeit erst
mal fleissig kopiert (es gibt kaum bessere Beweise für die Richtigkeit einer Idee). Nur zwei Hersteller gingen bald darauf ihre eigenen Wege: Hans Lehner mit dem nutfreien, hochdrehenden, von Anfang an sensorlos konzipierten Zweipolmotor und eben Plettenberg mit einem 10-poligen Drehmomentmotor, der im Modellfliegermund seiner offen einsehbaren Rotortrommel wegen bald nur noch die «Wasch-
maschine» hiess. Anfangs war dieses Triebwerk noch mit optischen Sensoren ausgestattet, wofür ein besonderer Controllertyp nötig war, es lernte aber ohne Nachhilfe auch sensorlos zu laufen. Dieses eher für ambitionierte Einsätze gebaute Triebwerk, das in verschiedene Wettbewerbsklassen Eingang fand, erhielt später Begleitung durch Produkte für mehr spassbetonte Anwendung (z. B. Freestyle).

Fertig bewickelte Statoren im Wartestand. Keine Angst: kommt Zeit, kommt Rotor!

Die Rotoren der Aussenläufer werden an dieser Maschine alle manuell ausgewuchtet.

IRA 30-YO
CE
XTRA, eine Hand voll Aussenläufer mit mächtig Power.

Die 24-nutigen Statoren des Predator (vorne) werden mit Kupferlitze bewickelt. Ein speziell entwickelter Eisenschnitt begünstigt den Kühlluftdurchsatz. Der «Mega-Pletti» geht derzeit häufig nach Nordamerika, nach England und in die Schweiz.

Nach wie vor werden noch konventionelle Kollektormotoren hergestellt, bevorzugt für Industrieanwendungen.

Hochpolige Drehmomentmotoren für kommerzielle Anwendung. Zuweilen werden sie allerdings auch für modelltechnische Zwecke missbraucht.
Doch es kam das 21. Jahrhundert und damit die Zeit der Ausenläufer. Nur kurz schien man bei Plettenberg zu zögern, ehe man den 10-poligen «Orbit» mit ins Programm aufnahm, eine nicht extrem auf Drehmoment optimierte Maschine, die mit ihrem dritten Stützlager auch bei mittleren Drehzahlen noch recht geräuscharm läuft und namentlich bei Hubi-Piloten rasch viele Freunde fand. Aussen-
läufermotoren des Typs XTRA rundeten die Serie in Richtung höherer Leistungen ab. Mit Triebwerken der XXL-Klasse «Terminator» und «Predator» zeigt Plettenberg, dass er nicht nur an die Zukunft des Elektroflugs glaubt, sondern auch entschlossen ist, sie nicht allein den Chinesen zu überlassen.

Einlaufbank für Bürstenmotoren. Nun, so ganz ausgelastet scheint sie nicht ja mehr zu sein ...?

Gefragt und wichtig: Motorenzubehör.

Das Plettenberg-Programm ist vielseitig.

Stromquellen für den Motorprüfstand. Um den Leistungsbedarf der neuen Motorgeneration zu befriedigen, erweisen sich stationäre NiCd-Akkus als die Ultima Ratio.

Die ersten Plettenberg-Brushlessmotoren hatten – wie auch AVEOX – noch Sensoranschlüsse.

Auch ausserhalb des Wettbewerbs ist mehr Leistung bei geringerem Gewicht nicht verkehrt.

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