Grosssegler – immer wieder faszinierend
Am 27./28. Mai 1989 fand sich die Interessengemeinschaft Grossegler (IGG) auf dem Flugplatz der Modellfluggruppe Liechtenstein in Bendorf/FL zu ihrem alljährlichen Flachlandfliegen ein. Bei guten Bedingungen wurde an beiden Tagen ausgiebig geflogen und die Kameradschaft gepflegt.

Im Jahre 1982 wurde die IGG als locker organisierter Zusammenschluss von Modellfliegern, welche sich dem Bauen und Fliegen von grossen Segelflugmodellen verschrieben haben, aus der Taufe gehoben. Veranstaltungen, an welchen sich Grosseglerpiloten hätten treffen können, gab es damals noch nicht. Dass die IGG eine eigentliche «Marktlücke» schloss, bewies bald das rasche Ansteigen ihres Mitgliederbestandes. So sind heute über hundert Modellflieger aus der Schweiz und einigen Nachbarländern in der Kartei der IGG als Aktive verzeichnet, und ein grosser Teil von ihnen besucht regelmässig die drei jährlichen Anlässe der IGG. So wird im Frühsommer zuerst auf einer Flachlandpiste dem Flugzeugschlepp gefrönt. Es folgt im Spätsommer ein Treffen in einem guten Hangfluggelände. Den Abschluss der Saison bildet jeweils ein Höck im November. Aber auch ausserhalb dieser organisierten Veranstaltungen haben die IGG-Mitglieder Kontakt zueinander, und man besucht sich gegenseitig auf dem Fluggelände. Die IGG geniesst jeweils bei ihren organisierten Treffen Gastrecht auf verschiedenen Geländen im ganzen Land, angesichts zunehmender Einschränkungen im Flugbetrieb keine Selbstverständlichkeit.
Ende Mai verliess die IGG, einer Einladung der MG Liechtenstein folgend, schweizerischen Luftraum. Die Liechtensteiner stellten für zwei Tage ihren Superplatz samt Infrastruktur zur Verfügung, und sie verzichteten sogar auf vereinsinternen Flugbetrieb, wofür ihnen an dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön auszusprechen ist. Die IGG revanchierte sich mit einem intensiven Flugbetrieb für dieses grosszügig gewährte Gastrecht. Was da an Flugzeugen auf dem Platz montiert wurde, durfte sich denn auch sehen lassen. Nicht weniger als zehn Schleppflugzeuge standen bereit, um die über vierzig Segler, einige darunter von stattlichem Kaliber, in den

Himmel – aber leider auch einmal ins Jenseits – zu befördern. So ging bei einem der ersten Starts am Samstag schon eine neue Schleppmaschine durch Absturz verloren – aufgrund eines Akkudefekts, wie sich später herausstellte. Im übrigen waren jedoch sehr wenige Zwischenfälle zu verzeichnen, was angesichts von rund 300 Starts pro Tag erstaunlich ist; vor allem wenn man bedenkt, dass in den seltensten Fällen die beiden Gespannpiloten zuvor miteinander die Schleppfliegerei geübt haben. Nachdem die Thermik eingesetzt hatte, tummelten sich bis zu einem guten Dutzend Segler in der Luft. Gemächlich kreisende Oldtimer, majestätisch dahingleitende Superorchideen und rassante Rennmaschinen kreisten miteinander unter den kräftig entwickelten Cumuli. Dass sie jeweils in kurzer Zeit die Einstiegshöhe erreichten, war das Verdienst der fleissigen Schlepp-Piloten. Sie flogen Maschinen, die im Vergleich zu früheren Jahren eindeutig kräftiger und leistungsfähiger geworden sind, aber trotzdem nicht durch unangenehme Geräuschentwicklung auffielen. Bei den Seglern war dagegen der schon seit einigen Jahren festgestellte, in technischer Hinsicht gleichbleibende Stand von allerdings hohem Niveau zu beobachten. Die Weiterentwicklung bei den Grossseglern scheint sich nur noch im Detail und in kleinen Schritten zu vollziehen.
Eine willkommene, mit der beschaulichen Segelfliegerei schön kontrastierende Einlage und gleichzeitig einer der Höhepunkte dieses Wochenendes waren sicher die brillanten Flugvorführungen von Wolfgang Matt. Am Sonntag zeigte er ein F3A-Programm in Vollendung, gefolgt von Showfiguren, bei deren Anblick den Zuschauern schwindlig werden konnte. Und kaum war die Kunstflugmaschine auf der Piste ausgerollt, startete Wolfgang Matt seinen Helikopter und malte mit diesem so unglaubliche Figuren an den Himmel, dass einem der Mund vor Staunen einfach offen blieb.
Auch nach sieben Jahren liegt das IGG-Konzept goldrichtig. Das beweisen folgende spontane Antworten einiger Piloten, die der rasende Reporter während des Flugbetriebs mit der Frage überfiel, warum sie nach Benden ans IGG-Treffen gereist seien.
Ernst Reiff, der aus Deutschland angereist war und eine wunderschöne, majestätische ASH 25 von 625 cm Spannweite mit perfektem Scale-Ausbau steuerte, meinte: «Mir gefällt das gemütliche Fliegen ohne Konkurrenzdruck und ohne Wettbewerb. Ich hätte auch zu Hause Gelegenheit zum Flugschlepp. Ich bin deshalb hierher gekommen, weil ich hier genau das finde, was ich unter Segelfliegen verstehe. Hier kann ich sooft starten und solange fliegen, wie ich Lust habe».
Paul Grütter, der mit einer grossen Wilga erschienen war, die trotz 13 kg Fluggewicht dank eines 60-ccm-Motors ohne Probleme auch die schwersten Segler hochzog, erklärte: «Die Grosssegler faszinieren mich. Ich habe die Wilga gebaut, damit ich zusammen mit meinem Sohn Flugschlepp betreiben kann. Wir kommen gerne ans IGG-Treffen, da man hier andere Flugzeuge sieht und sich inspirieren lassen kann. In meiner Wohnregion ist die Grossseglerei nicht so verbreitet».
Björn Fehse, welcher die lange Reise von Basel nicht gescheut hatte und trotz Verlust seines Seglers, der in der Luft abmontiert hatte, frohen Mutes war: «Mir gefällt einfach die Kollegialität unter den IGGlern. Man trifft sich wieder einmal, man sieht, was die andern so treiben, man kann Gedanken austauschen. Einen Wettbewerb vermisste ich gar nicht. Mir gefällt das ungezwungene Fliegen».
Hans Messmer, ein hervorragender Schlepp-Pilot, der unermüdlich vom Rollstuhl aus mit seiner Robin DR 400/180 einen Segler nach dem andern im konstanten Steigflug unter die Wolken bugsierte, war begeistert: «Das Schleppen macht mir grossen Spass. Ich habe gerne Hektik, ich liebe es, wenn die Segler reihenweise anstehen und Betrieb herrscht. Dass kein Wettbewerb stattfindet, ist gut. Es gibt keine Reibereien, es herrscht einfach eine andere Stimmung als bei einer Konkurrenz. Das Niveau der Seglerpiloten ist sehr gut. Ich hoffe, die IGG macht so weiter».
Hans kann beruhigt sein. Die IGG macht so weiter!


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