Titelstory

Winterfliegen am See

von Hans Jürg Baum
5

Ob es Spass macht, bei Minustemperaturen an einen gerade zufrierenden See zum Wasserfliegen zu gehen, zeigt dieser Bericht


Ring! Das Telefon läutet. Es ist einer der letzten Tage im alten Jahr 2007. Bruno Ferrari, mein Modellflugkollege von der Modellfluggruppe Grischhei (ZH) will es, trotz Kälte und tristem Wetter, nochmals wissen: «Kommst du morgen mit an den Türlersee zum Wasserfliegen?» Das wäre eigentlich seit Langem mein Herzenswunsch gewesen, denn an meiner Piper Cub J-3 warten meine neu montierten, um eine Nummer grösseren Schwimmer samt neu konstruiertem Wasserruder, schon seit Langem auf ihren ersten Einsatz. Doch ich gebe Bruno schweren Herzens eine Abfuhr. Meine Erkältung hat gerade ihren Höhepunkt erreicht: Die Nase trieft, jeder Schluck ist eine Qual. «Na ja», meint Bruno, «dann gehe ich halt mit dem Röbi.» Ja, sollen sie doch gehen. Aber gewiss ohne mich – ich spinne doch nicht. Ich bleibe todsicher zu Hause. Tee trinken, Ruhe und Erholung ...



konstruiertem Wasserruder, schon seit Langem auf ihren ersten Einsatz. Doch ich gebe Bruno schweren Herzens eine Abfuhr. Meine Erkältung hat gerade ihren Höhepunkt erreicht: Die Nase trieft, jeder Schluck ist eine Qual. «Na ja», meint Bruno, «dann gehe ich halt mit dem Röbi.» Ja, sollen sie doch gehen. Aber gewiss ohne mich – ich spinne doch nicht. Ich bleibe todsicher zu Hause. Tee trinken, Ruhe und Erholung ...



Klirrende Kälte

Unterwegs zum See dann ein herrlicher Anblick: alle Bäume mit Raureif überzuckert! Und prompt meldet sich mein innerer Sauhund: «Der See ist gewiss schon zugefroren. Ach wärst du Idiot doch nur im Bett geblieben!» Doch der Point of no Return ist bereits überschritten und wir treffen uns auf dem Parkplatz beim Türlersee. Ähnlich wie Pinguine ihre Bibeli vor eisigen Schneestürmen schützen, nehmen wir die Lipos in die Hosentaschen und wärmen sie.

Am See angekommen, stellen wir fest, dass er nur ganz am Rand und lediglich an gewissen Stellen schon zugefroren ist. Dazu ist uns auch noch der Wettergott gnädig und schickt ein paar erste Sonnenstrahlen durch den Nebel. Welch unvergesslicher Anblick: Der See dampft im Gegenlicht. Eine unbeschreibliche Stimmung! Die Sicht ist zwar immer noch lausig, wird aber stetig besser. Röbi kriegt als Erster die Lumix-FZ50-Kamera umgehängt, und es gilt: Wer nicht fliegt, fotografiert. Im Nu sind die Modelle bereitgestellt und Bruno lässt mir, nett wie er nun mal ist, den Vortritt. Jeder soll genüsslich und alleine seine Show abziehen können. Zudem gilt gerade beim Wasserflug: Zusehen macht (fast) gleich viel Spass wie selber fliegen.



Die Show beginnt

Das Taxieren mit einem einzigen, bei mir zufälligerweise am linken Schwimmer angebrachten Wasserruder klappt tatsächlich recht gut. Doch könnte die Wirkung noch etwas verstärkt werden, indem ich das Ruder noch etwas tiefer ins Wasser senke. Ich ziehe in Verdrängerfahrt ein, zwei Kreise, um kleine Wellen in den spiegelglatten See zu zaubern, die das Abheben erleichtern werden.

Nun heisst es also: Start genau nach Lehrbuch. Langsam Gas geben und etwas an der Höhe ziehen, damit die Schwimmerspitzen bis fast zu den Abrisskanten aus dem Wasser kommen. Dosiert immer mehr Gas geben und geduldig mit gezogener Höhe warten, bis die Fahrt weiter zunimmt. Dann das Höhenruder auf Neutral stellen. Noch ein Quäntchen mehr Power und siehe da: Schon haben die etwas grösseren Schwimmer – wie von mir erhofft – von der Verdrängerfahrt in die Gleitfahrt gewechselt. Wunderschön, wie ein Windsurfer im Gleiten, schiesst die Piper Cub J-3 über das Wasser. Ein winziges, positives Zwicklein am Höhenruder, und unser Eisvogel ist airborne.

Im Flug zeigt es sich, dass die etwas grösseren Schwimmer die Flugeigenschaften doch geringfügig beeinflussen. Zwar haben sich die Langsamflugeigenschaften nicht spürbar verschlechtert, doch muss etwas zügiger durch die Kurven geflogen werden. Jetzt bin ich gespannt auf das Landen. Mit mässiger Fahrt kommt die Piper gegen den schwachen Wind herein und dicht über dem Wasser wird mit etwas Schleppgas dosiert an der Höhe gezogen. Die Schwimmer setzen butterweich aufs Wasser auf und nach einer kurzen Gleitphase wechseln sie in die Verdrängerfahrt. Die Rechnung ist also aufgegangen: Die Vorteile der etwas grösseren Schwimmer überwiegen die kleinen Nachteile beim Fliegen bei Weitem.



Achtung Vereisungen!

Nun wird der Flughafen angesteuert. Aber meine Wasserruder-Konstruktion scheint nicht mehr zu funktionieren. Dann halt wie bisher: Mit relativ viel Gas und vollem Seitenruderausschlag wird dem Seitenwind getrotzt und das Land erreicht. Am Ufer angekommen, stelle ich fest: Das Wasserruder ist teilweise eingefroren und bewegt sich kaum noch. Offenbar muss ich meine Konstruktion noch wintersicher machen.

Bruno als routinierter Wasserflug-Pilot legt nun mit seinem Taxi einen tadellosen Start mit schöner Gleitphase vor dem Abheben hin. Nach einem sicheren Flug mit tiefen, zum Greifen nahen Vorbeiflügen kommt die erwartete perfekte Landung. Sie ist genauso schön anzusehen, wie wenn ein fliegender Schwan aufs Wasser aufsetzt. Wieder ist die Reihe an mir und ich starte zum zweiten Flug, der ohne besondere Katastrophen über die Bühne geht. Bruno hingegen bemerkt bei seinem zweiten Flug, dass die Wirkung des Höhenruders langsam aber sicher nachlässt. Sofort leitet er die Landung ein und ich höre ihn brummeln: «Jetzt ist das Schlimmste passiert, was einem Modellflieger geschehen kann!» Was ist passiert? Die vom Gischt beim Starten benetzten Scharniere des Höhenruders sind jetzt doch tatsächlich total eingefroren!


Der Nebel kommt, die Sonne geht ... Inzwischen meldet sich der Nebel zurück. Die Kälte geht unter die Haut. Der See verschwindet im Grau und die Flugshow wird abgebrochen, obwohl mein 4-zelliger Lipo mit einer Kapazität von 4200 mAh noch gut zwei weitere Flüge verkraftet hätte. Die Modelle sind, wie ich prophezeit hatte, vor allem an ihren Unterseiten total vereist. Was solls? Das Eis löst sich dann im Auto oder spätestens zu Hause. Nach gegenseitigem Schulterklopfen und um einige Erfahrungen reicher geworden, beschliessen wir diesen absolut einmaligen Winter-Wasser-Eis-Flugtag.


1/6 Scale Piper Cub J-3

Diese Piper Cub J-3 mit 1,72 Metern Spannweite kommt von Jamara. Sie sollte in jedem Fachgeschäft erhältlich sein und enthält praktisch alles Wünschenswerte für ein schönes und problemlos fliegendes Semiscale-Modell. Es ist mit einem Preis von 160 Franken halb geschenkt. Der Hersteller empfiehlt 8-cm3-Zweitakt- und 11,5-cm3-Viertakt-Motoren. Der Bau oder besser die Montage dieses Fast-Fertig-Modells bereitet kaum Probleme. Es sei denn, man ärgere sich über die unlösbar eingeleimten Schrauben des für den Elektrobetrieb unnötigen Motorträgers. Ab und zu muss man der an gewissen Stellen nicht sehr hohen Genauigkeit etwas nachhelfen.

Zu diesem Modell wurde folgender, von eflight.ch vertriebene und rund 600 Gramm schwere Antrieb eingesetzt: Motor Kontronik Fun 480-28 mit 5.2:1-Getriebe, Regler Kontronik Jazz 55-6-18, ein ePower Lipo mit 4 Zellen und 4200 mAh sowie ein 13×10 APC-Elektro-Propeller. Das Gesamtgewicht des Modells beträgt flugbereit 2,9 kg, die Flächenbelastung harmlose 69 g/dm2.

Mit dieser Piper gurke ich nun seit rund einem Jahr genüsslich in der Welt herum und schleppe die kleinen Segler meines Kollegen Hanno Pfeiffer auch ausserhalb der erlaubten Flugzeiten – es lebe der flüsterleise Elektroflug! – in die Höhe. Ein ideales Wasserflugzeug ergibt sich mit den 90 cm langen Schwimmern von Hacker, die in allen Grössen zum Beispiel bei www.top-model.ch zu haben sind. Da ein einziges, am Heck eines Schwimmers montiertes Wasserruder ausreicht, bastelte ich mir ein solches und lenkte es via eines Kohlefaserröhrchens vom Seitenruder. Das Umrüsten von Wasser- zu Landbetrieb beansprucht rund 10 Minuten.



Ur-Taxi mit High-Tech-Antrieb

Kollege Bruno ist im Gegensatz zu mir als ehrloser Fertigmodell-Konsument ein eingefleischter Holzwurm, der sich auch in der Oldtimer-Szene aktiv beteiligt. Er erstand vor zwei Jahren für ein Butterbrot einen Baukasten des 1966 erschienenen Taxi von Graupner und dazu noch die passenden Schwimmer. Die Spannweite dieses bewährten Zweckmodells beträgt 1,5 Meter. Über dieses legendäre Modell noch viel zu berichten, ist hier wohl kaum noch nötig. Bruno wählte als Antrieb folgende von eflight.ch vertriebene Komponenten: Motor Axi 2814-10, Regler Phönix 45, dreizelliger Lipo LiteStorm CL 3S1P mit 2100 mAh und ein 9×6 APC E-Propeller.



Alter Wasserflieger-Trick

Wenn der See spiegelglat ist, kann es vorkommen, dass die Schwimmer beim Starten regelrecht am Wasser kleben und nicht ins Gleiten kommen wollen. So zieht man zuerst mal ein, zwei Runden in Verdrängerfahrt und produziert kleine Wellen. Diese breiten sich rasch aus und bilden eine ideale Startbahn. Funktioniert wunderbar!




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