Geschichte neu erlebt
Ein aus gebogenen Stahlrohren zusammengeschweisster Korb einer hydraulischen Hebebühne soll Kurt Wächter und mich zur gewünschten Stelle bringen. Unsicher wie zwei Jungvögel in ihrem Nest versuchen wir, unsere Position über zwei Joysticks zu verändern. Urs Ritter, Verantwortlicher für das historische Material der Luftwaffe im Museum Dübendorf, ist überzeugt, wer einen Modellflieger steuern kann, kann auch unsere Hebebühne bedienen. Wir manövrieren uns also in die für den normalen Museumsbesucher unerreichbaren Blickwinkel. Unser Ziel: die Nieuport N28 Nr. 607.
Gesichert durch Stahlseile hängt der über hundertjährige Zeitzeuge, nun für uns auf Augenhöhe, an der Decke des Fliegermuseums. Ich versuche, meine Eindrücke in so vielen Bildern wie möglich einzufangen, um diese später beim Bau des Modells als Referenz zu nutzen.
Das Projekt eines etwas grösseren Nieuport-28-Modells geistert schon lange in meinen Gedanken herum, erste CAD-Zeichnungen sind vor Jahren entstanden. Den finalen Anstoss haben mir die CAD-Daten von Roel Kusters gegeben, welche er zum Teil auf grabcad.com zum freien Download anbietet. Roel hat von den Hardesty- und Proctor-Plänen mit verschiedenen CAD-Programmen sehr detaillierte 3D-Daten erstellt. Zusätzliche Daten konnte ich bei Roel eintauschen und bin so schnell einen riesigen Schritt vorangekommen, auch wenn die Daten noch einig- es an Nacharbeit bis zur Fertigstellung, insbesondere bis zur CAM-Anwendung, benötigt haben. So musste der Unterflügel erstellt werden, und da die Importdaten alle Aufbaustrukturen nicht mitgespeichert haben, musste auch da einiges ergänzt werden. Die Skalierung vom ursprünglichen gezeichneten Massstab von 1:3 auf 1:2,5 ist überraschend einfach über die Bühne gegangen.
Die Konstruktion des Modells ist sehr stark an die des Originals angelehnt. Einige Änderungen sind trotzdem in die Modellkonstruktion eingeflossen. So zum Beispiel wurden die zwei gewichtserleichterten Halbschalen der Flügelholmkonstruktion durch einen Kastenholm ersetzt. Alle sichtbaren Bereiche versuchte ich so zu gestalten, dass sie dem Eindruck des Originals nahekommen. Die Beschläge wurden aus 0,5 bis 1 mm Edelstahlblech lasergeschnitten und passend gebogen. Die Aluminium-Verschalungsteile wurden aus 0,3 bis 0,5 mm Blech geschnitten, gefaltet, gebogen oder getrieben. Die Motorhaube wurde professionell über einen rotierenden Hartholzklotz gedrückt. Die Komponenten der Holzkonstruktion bestehen aus passend geschnittenen Kiefernleisten und 0,6 mm starken, CNC-gefrästen Flugzeugsperrholzrippen und -spanten. Die Beplankungsteile sind aus 0,4 mm dickem Flugzeugsperrholz zugeschnitten. Die wenigen Rohrkonstruktionen, wie die Fahrwerkstreben und Holmabspannungen, bestehen aus 0,25 mm dicken Edelstahlrohren und wurden, wo nötig, mit Silberlot hartgelötet.
Kompromiss bleibt die Motorisierung, ein Moki 215 anstelle eines Umlaufmotors. Ansonsten, würde ich sagen, ist alles, wie es sein soll. Erwähnenswert ist die Rumpfkonstruktion. Diese kann nach dem Austuchen wieder in ihre Grundkomponenten zerlegt werden, da alle Teile entweder verschraubt oder durch die Verspannung zusammengehalten werden. Das Rumpfgerüst wurde mit 1-mm-Stahlstiften verzapft und mit 0,8er-Stahldraht über Aluminium-Spannschlösser verspannt.
Es gibt auch bei diesem Modell Umsetzungen oder Vorgehensweisen, welche ich bei einem nächsten Modell anders angehen würde. Dennoch bin ich mit dem Resultat nach ca. 800–1000 PC- und Baustunden sehr zufrieden. Das Modell soll das Erscheinungsbild der Nr. 688 in den Jahren 1924–25 wiedergeben. Anfangs dieser Zeitspanne wurde das Flugzeug neu ausgeliefert und werkseitig auf den A-Standard umgebaut, was eine Umplatzierung des Reservetanks von der rechten Seite in die Unterseite des Rumpfes beinhaltete. Für den Einsatz als Trainingsmodell für Kunst- und Formationsflug wurde die Bewaffnung weggelassen.
Abweichend von dem jetzigen, im Verkehrshaus ausgestellten Exemplar, war weder die recht grosse Nr. 688 auf der Rumpffseite aufgemalt noch die kurze Haube montiert.
Das Modell habe ich mit super flight SF104, einem UL-Polyestergewebe, bespannt, dies mit den Rippen vernäht, mit gerissenen Streifen verstärkt und mehrmals mit Spannlack lackiert. Abschliessend habe ich mit einem relativ grossen Pinsel die Silberfarbe aufgetragen. Hoheitszeichen und Nummerierung wurden, wie damals üblich, ebenfalls frei Hand mit dem Pinsel aufgemalt. Die Seiten- und Rumpfrücken-Sperrholzteile wurden im Original über Formklötze aus dünnen Sperrholzstreifen diagonal formsteif verleimt. Diese feine Streifenstruktur habe ich durch aufgeklebte Bespannstoffstreifen versucht zu imitieren. Dies macht die Oberfläche lebendiger, ist aber etwas zu prominent ausgefallen.
Das Modell macht einen schlichten Eindruck, umso mehr fallen die kleinen Details ins Gewicht.
Der neu erworbene SLA-Drucker hatte bei den zwei Venturi-Rohren und der Pilotenbrille seinen ersten Einsatz.
Der Pilot macht nicht nur im Cockpit eine gute Figur, er kann sich in allen Details sehen lassen. Auf Kundenwunsch fertigt Monika Andres Piloten. Sie hat für mich die gewünschte Ausstattung des Piloten genäht. Ich gehe davon aus, dass in den Zwanzigerjahren die Fliegerausrüstung der Schweizer Piloten noch nicht vereinheitlicht war, so wurde der Pilot mit einem im WW1 häufig getragenen langen Ledermantel eingekleidet. Dieser lässt, wie auch der Pilot an sich, keine Wünsche offen, zusammengenäht mit Innenfutter und funktionalen Aussentaschen. Der voll ausgestattete, ca. 70 cm grosse Pilot wiegt nur ca. 600 g, was bei einem so grossen Flieger, auch hinter dem Schwerpunkt sitzend, kaum Kopferbrechen bereitet.
Das von mir angestrebte maximale Abfluggewicht von 25 kg schien bis wenige Tage vor dem Erstflug in greifbarer Nähe, bis ich in ersten Rollversuchen festgestellt habe, der Flieger, unüblich für Flugzeuge dieser Ära, hebt erst sehr spät das Heck vom Boden. Eine erneute Überprüfung des Gewichts ergab eine Schwerpunktlage leicht vor dem Neutralpunkt und liess so wenig Stabilität um die Querachse erwarten. So wollte ich keinen Erstflug machen. Bleibt der Pilot am Boden, wandert der Schwerpunkt nur unwesentlich nach vorne und bleibt immer noch im sehr kritisch instabilen Bereich.
Eine bittere Pille: Es bedarf 2,5 kg Blei in der kurzen Nase, um den Schwerpunkt in den Bereich von 12% Stabilität zu schieben. Jetzt liegt das Abfluggewicht, mit komfortabler Schwerpunktlage bei 27,5 kg.

Das Modell lässt sich trotz Hecksporn sehr gut am Boden manövrieren und zeigt weder beim Starten noch Landen unschöne Seiten. Die Steuerung ist über alle Achsen sehr ausgewogen, das Flugzeug liegt stabil in der Luft. Anders als damals Oberleutnant Achemann werde ich mit dem Modell keinen Kunstflugwettbewerb gewinnen. Dies liegt nicht primär am Modell, sondern an meinen Modellflugfähigkeiten. Obwohl die Nieuport als Kunstflugtrainer eingesetzt wurde, lässt sich die Flugleistung kaum mit der zwanzig Jahre später konstruierten Bucker vergleichen. Trotzdem, die Nieuport N28 bleibt in ihrer Klasse ein sehr elegantes und gut zu fliegendes Modell.

Trotz sorgsamer Pflege des Flugzeuges hat die Zeit ihren Tribut gefordert, der Lack ist schrumpelig, das Leder vertrocknet und ausgefranst, der Reifengummi brüchig. Konservierte Erinnerung in durchgesessenen Sitzkissen und speckig schimmernden, abgegriffenen Bedienelementen, das ist eine Patina, wie sie nur ein Original-Flugzeug haben kann.
Das in Dübendorf ausgestellte Flugzeug Nr. 607 ist Protagonist in bekannten Geschichten wie der Bruchlandung von Second Lieutenant James F. Ashenden am 25. Juni 1918 in Derendingen. Nach einem erfolglosen Begleitschutzauftrag verfranzte sich Ashenden und leitete aus Treibstoffmangel eine Notlandung ein. Der unverletzte amerikanische Pilot wird von Angehörigen der ortansässigen Zahnkrankenkompanie verhaftet und nach Bern gebracht. Der amerikanische Attaché konnte später einen Austausch mit einem deutschen Piloten aushandeln und Ashenden konnte die Schweiz am 28. November 1918 wieder verlassen. Der für Schweizer Verhältnisse moderne und nur fünf Flugstunden alte Jäger Nieuport N28 mit doppelter MG Bewaffnung wurde eingehend inspiziert und flugtauglich instand gesetzt. Mit der militärischen Kennung 607 ergänzte das Flugzeug von da an den Flugzeugpark der Schweizer Luftwaffe, welcher zu dieser Zeit nicht reicher an Typenvielfalt sein konnte. Gut dokumentiert ist auch die Geschichte von Oberleutnant Robert Ackermann. Er gewinnt in dieser Maschine, zu diesem Zeitpunkt glänzend rot bemalt, den Kunstflugwettbewerb des Internationalen Flugmeetings in Dübendorf 1922. Dieses Resultat mag auch ein Grund für die Schweizer Regierung gewesen sein, den Kauf von weiteren vierzehn Maschinen dieses Typs zu genehmigen. Geliefert wurden die zum A Standard modifizierten Maschinen von der neu gegründeten Nieuport ASTAR, einem Zusammenschluss von Nieuport, Société Astra und Compagnie Générale Transaérienne. Für das Fortgeschrittenentraining der Militärpiloten standen somit die Typen Nieuport N28, Fokker DVII und Hanriot HD1, alles Ikonen aus dem Ersten Weltkrieg, zur Verfügung.
Einiges ist in Vergessenheit geraten oder wurde bewusst zurückgehalten, da die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Armee und die Bereitschaft für weitere Armeeausgaben in diesen Jahren verständlicherweise klein waren. Wie stellvertretend ein Artikel im «Air & Space Magazin» mit dem Titel «The dark side of glory» aufzeigt.

Hardesty und Proctorpläne, CAD-3D-Daten von Roel Kusters https://grabcad.com/library?page=1&time=all_time&sort=recent&query=nieuport
Nieuport N28: Americas first fighter: http://nieuport28.com/
Bildmaterial aus dem Archiv des Flieger- und Flap-Museums in Dübendorf
Artikel aus «Air & Space Magazin»: The dark side of glory.
https://www.airspacemag.com/military-aviation/world-war-i-pilot-ptsd-180967710/
RIK Modellbau https://www.balsa.ch/
RC Jeti von Gloor und Amsler, Rapperswil https://glooramsler.ch/
Herbis wheels http://www.herbiwheels.de/
Pilot mom, Monika Andres, E-Mail: moni.belo@icloud.com
https://www.mg-wohlen.ch/fliegen-bauen/bauen-projekte/2020/nieuport-n-28
Videos vom Modell
Erstflug Nieuport N28:
https://www.youtube.com/watch?v=JEeeqfFNDro
https://www.youtube.com/watch?v=qSsTnsnXXAY

Stefan Kellers Flugzeugtypen-Zeichnungen:


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