MAC-Szene · Grossmodell-Kunstflug «The Invitational TOC-2» in den USA
Wenn unter Modellfliegern der Begriff «TOC» fällt, werden die Ohren immer besonders gespitzt. Das TOC in Las Vegas hat Legenden hervorgebracht, welche bis heute bei der älteren Modellfliegergeneration über Landesgrenzen hinaus in aller Munde sind. Umso wichtiger ist, diese Erinnerungen in die Zukunft zu tragen und mit heutigen Wettbewerben weiterzuentwickeln. Darum zuerst zur Geschichte:
Die Geschichte des legendären TOC, «Tournament of Champions», reicht bis 1974 zurück. Den Höhepunkt erreichten die Begründer William Bennett, Casino-Besitzer, und John Schroeder, Modellflugenthusiast, mit ihrem exklusiven und prestigeträchtigen Wettbewerb in Las Vegas Anfang der Nullerjahre. Die weltbesten Piloten wurden jeweils nach Las Vegas eingeladen. Der Rahmen war nicht nur glamourös, sondern mit den mittlerweile IMAC-basierten Flugzeugen mit rund
3 m Spannweite, motorisiert mit Zweizylinder- resp. Vierzylindermotoren von 150 ccm bis 220 ccm, fliegerisch auf neuem Niveau und mit dem kontinuierlich auf bis zu $ 200 000 gesteigerten Preisgeld auch kommerziell höchst attraktiv.
Nach dem Tod von William Bennett 2003 wurde als Nachfolgeanlass das TAS, «Tucson Aerobatic Shootout», in Tucson (Arizona) zum Leben erweckt. Bei zwar stark vermindertem Preisgeld gilt dieser Contest um die Organisatoren Kevin Garland und David Johnson, Inhaber von Desert Aircraft, in der IMAC-Szene bis heute als

würdiger und erfolgreicher Nachfolger des TOC. Die Durchführung erfolgt nach wie vor in der Regel zweijährlich. Eine Teilnahme gilt in Pilotenkreisen als Adelung. Neben dem TAS hat auch John Schroeder sein eigenes, auf Freestyle ausgerichtetes Invitational in Clo-

vercreek (Tennessee) auf seinem wunderschönen Farmgelände periodisch durchgeführt. Dies hat die IMAC-Szene, verbunden mit jährlichen Sommercamps für Jugendliche, weiter belebt. Heutige Top-Piloten wie Kal Reifsnyder, Rhett Lambert, JJ Hedrick und weitere sind in den letzten Jahren daraus hervorgegangen.
Clovercreek ist nach dem zu frühen Tod von John Schroeder und der späteren Aufgabe seines Erbes durch seine Frau Tina seit 2019 Geschichte. In Ergänzung zum TAS in Tucson wurde jetzt «The Invitational TOC-2» in Fredericksburg (Virginia) an der Ostküste aus der Taufe gehoben. Unter der Federführung von Gil Major, welcher schon in Clovercreek massgebend beteiligt war, und Frank Noll wurde der Bann der

lähmenden Covid-Periode gebrochen. Auf Einladung hin trafen sich Anfang Juni 2022 neben Top-Piloten aus den USA Cracks aus Australien, Brasilien, Israel, Italien und last, but not least Mel Nipkow aus der Schweiz zum Treffen auf fliegerisch höchstem Niveau. Aus Covid-Gründen leider immer noch verhindert waren die Japaner.
Das Wettbewerbsprogramm sah als Qualifikation für den sonntäglichen Finaltag an den drei vorausgehenden Wettbewerbstagen je 2 Known-Programme, 1 Unknown- und 1 Freestyle-Programm vor. Voraussetzung im Gegensatz zu den üblichen IMAC-Regeln war, dass die dynamischen Flugprogramme und das Freestyle-Programm mit demselben Flugmodell absolviert werden mussten. Geändert werden durften zwischen den beiden Disziplinen lediglich der Propeller sowie der Schwerpunkt des Flugzeugs durch Verschieben der Batterien. Bei den Known-Programmen wurden deren zwei definiert, in ihrer Eigenschaft selbstredend auf «Invitational-Level», was nochmals eine Stufe höher zu bewerten ist als das gängige Unlimited-Niveau. In der Vorbereitung zum Contest stellte sich in der Community die zentrale Frage, welcher Flugzeugtyp nun der richtige sein könnte, um dynamisch und freestylemässig optimal aufgestellt zu sein. In den Monaten vor dem Contest liefen die Internet-Kanäle heiss: Wer entscheidet sich für welches Modell, und welcher Amerikaner verleiht welchem Ausländer aufgrund der Reisedistanzen eine Preziose aus seinem Hangar? Zudem stellte sich die Frage, welche ARF-Modelle auf dem Markt überhaupt verfügbar waren. Denn mit klassischen IMAC-Modellen, also «Kit-built», wird in aller Regel aus Prinzip nicht Freestyle ge-
flogen, zu kostbar sind diese Konstruktionen. Mit einer Ausnahme (Aaron «Bones» Garle, Australien, welcher ein klassisches IMAC-Modell [MX2 «Kit-built» von JTEC] einsetzte), entschieden sich tatsächlich sämtliche Piloten für ARF-Modelle mit Spannweiten von 2,60 m bis 3,10 m, motorisiert mit 120-ccm-Zweizylinder- bis 200-ccm-Vierzylinder-Motoren.
Das Hallo nach zweijähriger Wettbewerbsabstinenz auf internationaler Bühne war sehr herzlich. Bei den Trainingsflügen galt es insbesondere für die Piloten mit kurzfristig ausgeliehenen Flugzeugen, Vertrauen zu finden und das Modell fein abzustimmen. Für alle Piloten eine Herausforderung war sicherlich der in seinen Ausmassen begrenzte Flugraum und das Fliegen während jeweils des gesamten Vormittags gegen die Sonne. Erstmals konnte jetzt auch beobachtet werden, wie die Konkurrenz steuertechnisch die in der Vertikalen äusserst schwierigen, in verschiedenen Varianten zu fliegenden Messerflugfiguren anging und einteilte.
Die Piloten adaptierten sich rasch an die generell sehr anspruchsvollen Rahmenbedingungen. Es war beeindruckend, wie die Piloten sich gegenseitig unterstützten, um auch im Verlauf des Wettbewerbs ständig besser zu werden: typisch IMAC-Community halt. Man half sich gegenseitig bei der Behebung von technischen Problemchen und tauschte auch die Flugerfahrungen sehr rege. Im Verlauf der bei Prachtwetter stattfindenden Qualifikationsrunden festigte sich die Rangliste über die drei Tage kontinuierlich. Ganz spannend wurde es um den siebten und damit letzten Finalplatz. Und tatsächlich: Auf den letzten Drücker schaffte Mel Nipkow (Schweiz) den Einzug in den Finaltag. →

Einmal mehr hat Mel beste Effizienz und in den entscheidenden Momenten absolute Wettkampfhärte bewiesen. Sein Training mit dem vom Freund der Familie Kim Quenette ausgeliehenen ARF-Modell von ExtremeFlight, einer Extra 300 mit 3,20 m Spannweite, ausgerüstet mit eigenen JR-Servos und eigenem DA 200L, war ein reiner Steigerungslauf. Neben dem Kennenlernen des Modells war auch zu berücksichtigen, dass Mel erst einen einzigen Unlimited-Wettbewerb «in den Fingern» hatte. Das vorbereitende Training mit den beiden Invitational-Programmen
war entsprechend intensiv, Zweifel mussten verarbeitet das Material optimiert, die Feinabstimmung des Modells ausgetestet und angepasst sowie die Flugtaktik ausgepröbelt werden. Zwischenzeitliche qualitativ erstaunliche «Auflockerungsflüge» mit einer 104" AJ Laser haben die Modellwahl auf eine ernsthafte Probe gestellt. Obsiegt hat letztlich die Vernunft: Lieber mit einem Modell fliegen, welches man über viele Trainingsflüge in sämtlichen Fluglagen samt den Schwächen immer besser kennengelernt hat, als sich kurzfristig auf ein Abenteuer mit offenem Ausgang einzulassen.
Auf dieser Basis schaffte Mel sein grosses Ziel, die Erreichung des Finaltags in diesem ausgewiesenen Weltklassefeld. Mel hat es einmal mehr verstanden, den im Vergleich zu den konkurrierenden Piloten eher bescheidenen Trainingsaufwand mit Entschlossenheit, Konzentration auf das Wesentliche und eiskalter Umsetzung seiner Vorsätze zu kompensieren und damit sein ganz persönliches, hochgestecktes Ziel zu erreichen.
Als verdienter Gewinner des TOC-2 ging der Italiener Sacha Cecconi mit einer AJ Slick 2,60 m, motorisiert mit einem DA 120, vor dem Kalifornier Santiago Perez mit einer ExtremeFlight Slick 2,90 m, motorisiert mit einem DA 200MG[!], hervor und durfte damit neben

viel Ehre ein grosszügiges Preisgeld, welches in abgestufter Form allen Finalteilnehmern zustand, entgegennehmen. Es war beeindruckend, wie sich die beiden bald als Favoriten herauskristallisierenden Piloten gegenseitig pushen. Santiago brillierte mit seinem Temperament, welches sich in den dynamischen Programmen in Übergängen und mit dem auffällig hohen Speed sowie in seinen spektakulären Freestyle-Programmen ausdrückte. Demgegenüber glänzte Sascha mit seiner Feinfühligkeit in seiner gesamten Steuerkunst, was sich in der Präzision bei den dynamischen Programmen und seinen sehr harmonischen Freestyle-Vorführungen wunderschön zeigte. Das sich zum Schluss manifestierende Duell zwischen Sacha und Santiago hat somit einen europäischen Sieger auf amerikanischem Boden hervorgebracht, was in erster Linie von Sacha Cecconi selbst seit Jahren als Ding der Unmöglichkeit eingestuft wurde!
Dieser Erfolg von Sacha Cecconi tut der IMAC-Szene sicherlich gut und zeigt, dass der europäische Flugstil im Vergleich zum amerikanischen konkurrenzfähig ist. Dies hatte jedoch bereits Gernot Bruckmann in den Jahren 2018 und 2019 mit seinen Siegen am TOC in Tucson unter Beweis gestellt. Nur wollte man dies aufgrund der Ausnahmeerscheinung von Gernot Bruckmann nicht richtig wahrhaben.
Es war gut, festzustellen, dass die IMAC-Szene lebt. Das TOC-2 soll in ausgebautem Rahmen und auf geeigneterem Fluggelände fortgesetzt werden. Im Oktober 2022 findet in Tucson wieder das TAS statt. In Europa wurden in der laufenden Saison mehrere grössere IMAC-Wettbewerbe durchgeführt. Momentan ist die geplante erste Europameisterschaft für 2023 in Polen in Abklärung. Und dann soll nachfolgend eine weitere Weltmeisterschaft durchgeführt werden.


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