Weisch, was i meine? Der Drang in die Öffentlichkeit
Mit grosser Schrift an der Wand meines damaligen Schulhauses konnten wir das Zitat von Gottfried Keller jeden Tag lesen: «Alles Grosse und Edle ist einfacher Art.» Für mich heute so etwas wie ein kritisches Gegenmodell zu «Tue Gutes und rede darüber». Wer Gutes tut, darf und soll sich freuen, darüber reden auch. Ob er das in jedem Fall tun muss, ist eine andere Frage. Schon mancher Heilsverkünder hätte besser geschwiegen. Denn Öffentlichkeitsarbeit mit dem Holzhammer kommt selten gut. Der Leim der Strassenkleber ist schnell vertrocknet und andere queere Aktionen verlieren rasch an Schwung. Auch Werbung für eigene sportliche Leistungen verblasst schnell, wenn die Erfolge ausbleiben. Wer im Anschluss an Niederlagen jammert und nach Ausreden sucht, hat doppelt verloren. Und wer glaubt, dass das Medienecho für seine Taten in der Schweiz zu bescheiden ausfalle, sucht seine Erfüllung oft im Ausland. So finden Berichte über wunderschöne Modellflug-Eigenbauten offenbar erst Beachtung, wenn diese in deutschen Zeitschriften erschienen sind. Ich gebe zu: Persönliche Erfolge in der Öffentlichkeit zu kommunizieren, gehört wohl zu den schwierigeren Aufgaben in unserem Leben. Das Mittelmass zwischen allzu stolzer Ehrlichkeit und Untertreibungen – Understatement – zu finden, erfordert Sachlichkeit und Grösse. Naivität musste schon mancher in Form eines höhnenden Boomerangs einstecken. Für öffentliche Auftritte der Politikerinnen, Politiker und Chefsbeamten sind die Anforderungen je nach Anlass nicht zu unterschätzen. Schnell können Reden zu langweiligem Geschwätz werden. Noch dümmer ist die Verbreitung von belanglosem bis peinlichem Schmarren über Facebook. Ich meine, dass solche Aktivitäten sehr schnell in die Lächerlichkeit abgleiten und deren Absender auf die Dauer nur noch beschränkt ernst genommen werden. Wer interessiert sich schon für die Biermarke, die ich mir in Reykjavík geleistet habe? Die Welt ist voll solcher nutz- und sinnloser Inhalte. All meine Filter sind ungenügend. Ein gutes Rezept dagegen empfahl Dante Alighieri (1265 bis 1321): «Geh deinen Weg und lass die Leute reden.» ■
Emil Giezendanner

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