Wäre ich im Bett geblieben?
Manchmal gibt es Tage, an welchen man besser zu Hause im Bett geblieben wäre. Und doch – sind es nicht gerade diese Erlebnisse, welche jeweils in bester Erinnerung bleiben und ausserdem für den Freundeskreis grossen Unterhaltungswert bieten?
Der Wecker klingelt, es ist Viertel nach sechs. Heute ist Sportflyers-Wettbewerb in Breitenbach. Um sieben Uhr fahre ich in Seftigen/Thun los, um rechtzeitig zum Wettbewerbsbeginn um 9.00 Uhr vor Ort zu sein – ich kenne ja den Weg zum Modellflugplatz Erlen. Alles geht gut bis Balsthal, wo ich neben einem orangen Schild vorbeifahre und gerade noch «Tunnel Passwang gesperrt» erkennen kann: Vor der bald folgenden zweiten orangen Tafel halte ich an und finde bestätigt: «Strasse Passwang gesperrt».
Im geliehenen Geschäftswagen ist leider keine Strassenkarte zu finden, und die gerade auf dem Trottoir daherkommende Pasantin hat auch keine Idee, wie ich nun nach Breitenbach komme. So bin ich gezwungen, mich erstmals mit dem im Wagen vorhandenen Navigationsgerät herumzuschlagen, was sogar gelingt: Nach Eingabe des Zielorts Breitenbach will mich das Gerät natürlich über den Passwang schicken, aber ich weiss es besser und fahre erst mal Richtung Basel.
Kurz nach Waldenburg lässt mich das Navi links abbiegen. Die schmale Strasse führt über eine kleine Anhöhe nach Bretzwil, wo mich die zweite Überraschung erwartet: Eine freundliche Politesse winkt mich nach rechts, obschon der Wegweiser «Breitenbach» eindeutig nach links zeigt. Eine orange Tafel bestätigt meine Befürchtung: «Strasse wegen Belagsarbeiten gesperrt».
Nach der gerade erlebten positiven Erfahrung mit dem Navi lasse ich mir voller Hoffnung von diesem einen neuen Weg nach Breitenbach suchen. Nach 20 Minuten Fahrt durch Feld und Wald biege ich in eine Strasse ein, welche mir verdächtig bekannt vorkommt, und kurz danach stehe ich erneut vor der Politesse und bitte sie gnädigstes um Hilfe. «Fahren Sie alles geradeaus bis Grellingen, dann links bis Zwingen. Achten Sie dort auf den Wegweiser nach Breitenbach.»
Politessen sind besser als Navis, denke ich, denn ca. eine Viertelstunde später erkenne ich endlich freudestrahlend ein Ortsschild «Breitenbach». Doch – wie komme ich nun von dieser mir unbekannten Ortseinfahrt zum Modellflugplatz? Nach einigem Hin-und-Herfahren in der Ortschaft stelle ich ernüchtert fest, dass ich die Orientierung verloren habe. Ein älterer Passant kennt zum Glück den Weg zum Flugplatz, und so erfahre ich an diesem Tag auch noch, wo sich das Schwalbennest (Kreisflugzentrum) befindet.
Endlich finde ich – nach langer Irrfahrt durch die Kantone Solothurn und Baselland und mit 1½ Stunden Verspätung – das Modellfluggelände Erlen. Hoher Mais verdeckt die Sicht zum Flugplatz, und die Nebelschwaden lassen die Hoffnung aufkommen, dass der Wettbewerb vielleicht noch gar nicht begonnen hat. Doch, oh Schreck! Von Wettbewerbsbetrieb ist weit und breit nichts zu sehen. Nach mir treffen zwei weitere Fahrzeuge auf dem Modellflugplatz ein. Dem ersten entsteigt der heutige Wettbewerbsleiter Felix Andres: «Saali Ruedi, jä hesch denn du mii E-Mail nid bighoo, dass mer de Wettbiwärb händ miesse absaage?»
Beim zweiten aussteigenden Modellpiloten, Martin Lüthi, interessiert mich natürlich, wie er denn heute von Düringen nach Breitenbach gekommen sei? Seine trockene Antwort: «Über den Passwang!» Nach zweimal leer schlucken und tief durchatmen stellt sich dann in Gespräch mit Martin heraus, dass er in Balsthal nach der Tafel «Strasse Passwang gesperrt» weitergefahren ist; später sei dann noch eine weitere orange Tafel mit Sperrzeit-Angaben aufgetaucht.
Bis zu diesem Zeitpunkt war also schon einiges schiefgelaufen, aber es sollte an diesem Tag noch bunter werden: Im Landeanflug des 2. Trainingsfluges kracht mein Modell ins gegenüberliegende Wäldli, natürlich zuoberst auf dem höchsten Laubbaum. «Du bist nicht der Erste, der sein Modell im Wäldli parkiert», tröstet mich Felix Andres, und er weiss auch schon Abhilfe: «In Brislach gibt es einen Gärtner mit

einer langen Leiter, der hat auch schon Modelle vom Baum geholt.»
*Kirchhofer Kurt* steht auf einem Firmenschild am nördlichen Ortsende von Brislach, und zwei miteinander schwätzende Frauen beim benachbarten Haus wissen sogar, dass dieser Gärtner neben dem Restaurant Kreuz wohnt. Ein erster Lichtblick also. Das Klingeln an der Haustür bringt zwar keinen Erfolg, aber ein junger Mann im Nachbargarten kennt zum Glück seine Handy-Nummer. Eineinhalb Stunden später steht der hilfsbereite Gärtner kopfschüttelnd neben dem Wäldli mit meinem Modell in der Baumkrone und meint: Soooo lang ist seine Leiter aber nicht!
Unter den inzwischen am Ort des Unglücks eingetroffenen weiteren Modellpiloten meint einer, er kenne noch jemanden, welcher immer gute Ideen habe. Dieser Mann heisst Toni Ackermann, und wenige Minuten nach dem Anruf kommt dieser bereits mit seinem 2-Gang-Töffli querfeldein den Hang hinaufgefahren und schaut sich mit mir die Sache von allen Seiten an:
1. Idee: Klassische Bergung mit Leiter und Teleskopstange geht nicht: Das Modell liegt zu hoch, der Baum ist nicht frei stehend.
2. Idee: Den Baumpflegler Rolf Jeker aus Beinwil engagieren. Dies klappt nicht, weil jener gerade am Aufbau eines Festzeltes beschäftigt ist und frühestens am folgenden Dienstag helfen könne.
Seine 3. Idee: Er könnte mit Steigeisen auf den Baum klettern, bereitet mir etwas Kummer, aber er beruhigt mich: «Nur keine Sorge, ich bin Kranführer und klettere auch auf diese Weise auf Telefonstangen».
4. Idee: Den Baum fällen! Diese Idee wird aber bald verworfen, denn das gibt sicher Ärger mit dem Waldbesitzer und dem Bauern, auf dessen Land der gefällte Baum zu liegen käme.
5. Idee: Der Herkules-Kran von André Roth (Teleskopkran mit Korb). Diese Idee wird aber schlussendlich auch verworfen, weil dieser 18 Tonnen wiegt und in schrägem Gelände gar nicht funktioniert. Der mit diesem Vehikel angerichtete Landschaden dürfte ausserdem den Wert des Modells bei Weitem übersteigen.
Wir kommen zur Einsicht, dass es wohl das Vernünftigste sei, am folgenden Dienstag die Kletterkünste des Baumpflegers aus Beinwil in Anspruch zu nehmen, und so ich fahre an diesem Samstag ohne mein Modell nach Hause, und zwar über den Passwang. Der ideenreiche Töfflfahrer hatte aber nach seiner Verabschiedung wohl noch eine 6. Idee, denn bereits am Sonntagabend erreichte mich ein E-Mail von Felix Andres: «Dein Flieger konnte vom Baumpflegler Alexander Christ mit Kletterausrüstung geborgen werden. Du kannst ihn demnächst bei mir zu Hause abholen.»
Herzlichen Dank an alle Breitenbacher und Brislacher Modellflieger, welche in irgendeiner Form zu diesem unvergesslichen und ereignisreichen Wettbewerbstag und zur Bergung meines Wind S 110E beigetragen haben. Soll mir noch einer sagen, Wettbewerbsfliegerei sei langweilig!
Ruedi Schmid


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