Modellflug-Retrospektive 2008
Retrospektive (v. lat.: retrospectare = rückblicken) bezeichnet im Allgemeinen einen Rückblick. Er wird heute insbesondere auch für Kunstausstellungen verwendet. Da verschiedene Seiten des Modellbaus aus vergangenen Zeiten heute als «Kunst» verstanden werden können und der Trend zunimmt, solch handwerkliche Meisterleistungen alter Zeiten nachzuvollziehen, leistet MFS zu diesem Thema seit Jahren einen wichtigen Beitrag.
«Retro» ist heute ein Schlagwort geworden. Seit den 1970er-Jahren hat der Begriff in unserer Gesellschaft laufend an Bedeutung gewonnen. In einer Zeit, wo Fortschrittsglaube, Innovation und Veränderung oftmals gegen jede Vernunft und um jeden Preis zu obsiegen scheinen, kann die Retrowelle durchaus auch als fortschrittskritischer Trend verstanden werden. Kaum ein Bereich unseres gesellschaftlichen Lebens, in dem dieser weit verbreiteten Modebegriff nicht Einzug gehalten hat. Nicht selten können aus solchen Rückgriffen auf Konzepte und Stile vergangener Epochen auch wieder Weiterentwicklungen und sogar kreative Neuschöpfungen entstehen. Damit geht die Retrowelle weit über die Welt der Museen hinaus, wobei allerdings diese immer mehr auch in eigentliche Retro-Aktionen eingebunden sind.
Die Technik ist heute ein dankbares Feld der Retrowelle: Oldtimer-Autos, Flugzeuge und Traktoren usw. Oder aber bestimmte Anlässe vergangener Zeiten wie Rennen (mit oder ohne hirnllose rote Bullen), mit Fassdauben, Hornschlitten, Eskimokajaks usw., Rekordfahrten, Alpen- oder Atlantik-Überquerungen usw. Oftmals werden dazu alte Geräte sowie

Fahr- und Flugzeuge mit viel Liebe restauriert und imstand gehalten oder nach alten Plänen neu erbaut. Der Modellflug ist ein dankbares Feld der Retromode und hat heute erst recht unter dem Trend der «McDonaldisierung» des Modellflugs – gemeint ist die globale «Einheitskost» aus China – neuen Auftrieb erhalten. Da im Modellflug vergangener Zeiten die Szene noch überschaubarer und vor allem auch individueller daherkam, ist es nicht verwunderlich, dass alte Modelle meistens auch mit deren Konstrukteuren in Verbindung gebracht werden. Ob dabei das Wort «Pionier» jedes Mal angebracht ist, wird schwer zu beurteilen sein, was aber der Sache bzw. der Leistungen unserer Vorreiter keinen Abbruch tut.
In der Folge berichten wir über drei typische Modellflug-Retroanlässe: das Treffen für Antik-Modellflugzeuge der Fluggruppe Zofingen, das Aroser Antik-Segelflugmodell-Treffen sowie das internationale Rétroplane.
Das zum 8. Mal von der Fluggruppe Zofingen auf derem wunderschönem Flugplatz Rossweid organsierte Treffen richtete sich an die Besitzer von Segel- und Motormodellen, die vor 1970 publiziert wurden. Die Motorisierung war freigestellt (2/4-Takter oder Elektro). Die Flugprogramme seien frei, nach Gutdünken des Piloten war in der Einladung nachzulesen. Zu den rührigen Initianten des gut gelungenen Anlasses gehört Peter Müller, langjähriger Scale-Spezialist und erfahrener Sammler alter Modelle und Zubehörs. Auch dieses Jahr traf sich eine ansehnliche Schar älterer (und auch jüngerer) Kollegen mit einer noch grösseren Anzahl noch älterer Modelle. Eindrücklich, mit wie viel Liebe Modelle, die zum Teil ein halbes Jahrhundert und mehr auf dem Bucke haben, gepflegt und erhalten werden.

Initiant und Organisator Alfred Genther schreibt uns dazu: «In Arosa wird unserer alten Modellflugtradition gedacht. Einmal mehr hatten wir mit dem Wetter grosses Glück. Einige Teilnehmer kamen nicht, um zu fliegen, sondern freuten sich, die 1. Generation der Modellflugzeuge zu sehen oder alte Erinnerungen aufleben zu lassen. Die in den letzten Jahren anwesenden Modelle lassen hinsichtlich originalgetreuer Ausführung nichts zu wünschen übrig. Der Begriff mass- und werkstoffgetreue Schweizer Sperrholzkonstruktionen wird mit hoher Güte in die Tat umgesetzt. Wer wagt es? Der Einstieg ist am besten mit Anfängermodellen, wie Pro Aero 1, Zürihegel und vielen andern solchen Modellen, erfolgreich zu meistern. Diese etwa 80 cm Spannweite aufweisenden Anfängermodelle sind für Freiflug bestens geeignet. Die rund 1,8 bis 2 m spannenden Leistungsmodelle sind aufwändig im Bau, das wäre dann der 2. Schritt. Also wer versucht es? Pläne gibt es bei Frau Keller. Sperrholz, Kiefernleisten, Papier und Spannlack erhält man in Modellbau-Fachgeschäften, wie z. B. Wieser Modellbau, 8049 Zürich-Höngg. Die Seidenbespannung ist nicht so einfach. Bei einem Anruf an den Autor wird weiteres Wissen vermittelt. Jeglicher Einsatz, um unsere Sperrholzvögel in der Luft zu halten, ist im Geiste unseres erhaltenswerten Modellflug-Kulturgutes. Auf Wiedersehen am 20./21. Juni 2009 in Arosa.» →
Versand von Sperrholz-Flugmodell-Bauplänen:
Viviane Keller, Stettbachstrasse 5, 8702 Zollikon,
Telefon 044 391 90 81

Während die vorgängig beschriebenen Retro-Anlässe sich ausschliesslich auf Flugmodell-Oldies beziehen, handelt es sich bei diesem Anlass um ein Scale-Treffen für Segelflugzeug-Nachbauten vor 1960 aus Holz (Modelle mit GFK-Rümpfen sind nicht zugelassen). Die Initiative kommt aus Frankreich, wo auch das diesjährige Treffen in Caussols im Hinterland der französischen Parfumstadt Grasse stattfand. Als treuer Gast dieses Anlasses schrieb uns Jack Kägi dazu: «Wie erwartet von der Côte d'Azur war das Wetter auch wunderschön, im Gegensatz zum verregneten Wochenende im Norden. Wiederum konnte man die tollsten Konstruktionen von alten Segelflugzeugen aus Holz bewundern. Der nun einmal für Hangflug nötige Wind war zum Teil etwas zu schwach oder blies schräg zum Hang. So konnten doch einige neu erbaute Scale-Segler nicht geflogen werden. Das etwas harte Landefeld mit Gras und Kieselsteinen hielt weitere Piloten vom Fliegen ab. Die beste Zeit zum Fliegen war am Samstagmittag. Später kam sogar Nebel auf. Dafür stand mehr Zeit zur Verfügung, die zum Teil ungewöhnlichen Modelle zu fotografieren und ausgiebig zu fachsimpeln. Einige Modellbauer hatten sogar ihre neuesten Bauprojekte im Rohbau mitgebracht. Ein absolutes Highlight diesbezüglich war eine Musger 9 (Österreich), detailliert in Museumsqualität von Vincent Besancon aus Beziers. Vincent ist einer der führenden Köpfe der Rétroplane-Gruppe. Beim nächsten Rétroplanetreffen, welches 2009 in Irland durchgeführt wird, kann es also an neu erbauten, tollen Modellen nicht mangeln. Wer also die weite Reise wagen möchte und schon einmal die spektakulären Hangfluggebiete anschauen will, soll sich auf der Website *Rétroplane.net* anmelden. Es hat noch einige Plätze frei (Limite 70 Piloten). Wie wärs mit Fliegerurlaub auf der grünen Insel? Mal was anderes, als immer auf dem gleichen Berg zu sitzen.»

Diese drei herausgegriffenen Beispiele sind längst nicht vollständig. In der Schweiz und im Ausland finden jedes Jahr Dutzende solcher und ähnlicher Anlässe statt. Der Retro-Trend erlaubt uns Modellfliegern eine fast unbegrenzte Zahl an verschiedenen Meetings. Denken wir an das Oldtimer-Treffen Frauenfeld, an verschiedene Warbird-Meetings, an das Modellmotoren-Sammler-Treffen in Thörishaus, an das Antik-Helitreffen der MG Fehraltorf usw. So können auch sogenannt neuere Trends im Modellflug, wie z.B. der Elektroflug durch die Arbeiten von Fred Militky, bereits auf eine 50-jährige Geschichte zurückblicken. Und das Rad der Geschichte dreht sich unaufhörlich weiter. Bald einmal können wir auf die ersten Gasturbinen von Kurt Schreckling zurückblicken oder Retro-Meetings mit 35-MHz-Steuerungen organisieren. Wie anhand dieser Beispiele leicht ersichtlich wird, ist «alt» nicht gleich «blöd», sondern kann uns über die Wurzeln unseres schönen Hobbys immer wieder zu neuen Ideen und zu Kreativität verhelfen sowie auch ein wunderbares Gegenwort zur Einheitskost der Fertigmodelle bilden. Ich wünsche allen viel Freude mit der Retro-Welle.
Emil Ch. Giezendanner
Die Bilder verdanken wir:
Peter Lüscher (Zofingen)
Alfred Genther (Arosa)
Jack Kägi (Rétroplane)

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