50 Jahre Elektroflug Der leise Einzug der grossen Segler
Grosssegler mit Elektromotoren zählten lange Zeit zu den Exoten. Der reine RC-Segelflug – Motoren höchstens in den Winden – hat in der Schweiz lange Tradition und eine grosse Zahl von Liebhabern. Grosssegler mit Elektromotoren haben erst in den letzten Jahren an Beliebtheit gewonnen. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Elektroflug-Cracks und Publikum staunten anlässlich des 4. Militky-Cups 1977 nicht schlecht, als sie verfolgen konnten, wie Ernst Tscheulin (D) erstmals seinen Grosssegler LS-E leise und sanft in den Himmel steigen liess. Mit dieser Vorführung gewann Ernst auch gleich den technischen Pokal (Militky-Cup). Die erfolgreiche und für uns damals eindrucksvolle Demonstration war
so etwas wie der Start zu einer neuen Ära im Einsatz von grossen Segelmodellen. Die Modelle waren absolut lautlos – Segler eben. Es entstanden die am Militky-Cup beliebten Grosssegler-Wettbewerbe – zum Einsatz kamen Semi-Scale-Modelle mit GFK-Rümpfen, Styro-Balsa/Abachi-Flügel. Spannweiten von 3,75 bis 5 und mehr Metern. Die grosse Show bot Roland Hersperger mit seiner SB-10 mit über 7 m Spannweite. Als Antriebe dienten die sehr erfolgreichen Motoren des Physikers Heinz Keller (D) KE 50, KE 80 und 100. In den meisten Fällen ohne Getriebe. Hectoplett- oder Geist-Getriebe-Motoren gehörten eher zu den Ausnahmen. Die Energie lieferten 20 bis 30 Nickel-Cadmium-(NiCd-), später Nickel-Metallhydrid-(NiMH-) Zellen. Sehr beliebt waren die Segler von Ernst Tscheulin, später kamen Gierke dazu, sowie Modelle aus dem Osten. Auch Nachbauten von Old-

timer-Segelflugzeugen aus Holz waren willkommene Abwechslungen. Der Grosssegler, Wettbewerb im Rahmen des Militky-Cups erfreute sich zunehmender Beliebtheit. 15 und mehr Teilnehmer fanden jedes Jahr den Weg nach Pfäffikon. Auch im Ausland, insbesonde-
re Deutschland und Italien, fanden Wettbewerbe statt. Sogar ein provisorisches FAI-Reglement entstand. Leider ist das Ganze eingeschlafen, obwohl gerade heute mit Telemetrie, Höhenloggern und GPS solche Wettbewerbe eine tolle Herausforderung sein könnten. →

Alle mit Original-Rumpf, aber neuen, modernen Profilen. Flügel in Positiv-Bauweise mit GFK beschichtet und weiss gespritzt.
Alle Modelle mit LDS und Servos eingebaut RTF.
- ASW17 5 m
- Libelle Standard 4,3 m
- Kestrell 4,8 m
- Jantar 5 m
leomotion.com
Die ausländischen Militky-Cup-Teilnehmer haben die Pfäffiker Modellfluggruppe mit ihren eleganten Grosssegelmodellen so richtig motiviert. Wir flogen nicht nur auf unserem Flugplatz, sondern insbesondere auf den Hügeln in der Umgebung. Für den motorlosen Hangflug reichte es oftmals nur knapp. Trotz Gummi-

Spick und Motorwinde gab es immer wieder nur kurze Flüge. Zu viel Risiko konnte gefährliche Aussenladungen zur Folge haben. Da waren all die Keller-50-Motoren eine willkommene Hilfe, auf die bald niemand mehr verzichten wollte. Die mit einem vernünftigen Aufwand erreichten Motorleistungen verhalfen den grossen und eher schweren Maschinen (5 bis 8 kg) zu einem lautlosen und sanften Steigflug. Und wie es so geht, waren an einem schönen Sonntag unsere Freunde vom Zürichsee zu Gast, wie immer mit ihren perfekt gebauten Grossseglern. Als sie zum ersten Mal erblickten, wie wir brutal die Rumpfnasen abgesägt hatten, Motorspant, Spinner und Klapppropeller – möglichst gelb oder schwarz – anstelle der Rumpfnase, waren sie ab unserem barbarischen Umgang mit den schönen Segler-Rümpfen entsetzt. Geschadet hat's der Freundschaft nicht, aber wir wurden schon etwas in die «exotische» Ecke gestellt. Denn die wachsende Zahl der Grosssegler-Freunde gründete zu dieser Zeit die IGG, und da war lange Zeit der reine Segelflug Ehrensache. Auf einigen Modellfluggeländen sind bis heute keine Motorsegler zugelassen. Auch das muss seine Berechtigung haben.
Die neuen, sehr leistungsfähigen und leichteren LiPo-Akkus sowie ganze, fertig abgestimmte Antriebssets konnten zunehmend auch die Elektroantriebs-skeptiker der Grosssegler-Szene überzeugen. Die Vorteile überwiegen. Die Nachteile sind eher emotionaler Art. Die Herausforderung, einen Absafer ins Tal abzuwenden, ist natürlich um einiges grösser, als wenn ich bloss den Motor einzuschalten brauche. So weit ist den «Motorlosen» beizupflichten. Auf der anderen Seite ist der Wunsch nach mehr Sicherheit für die sehr teuren Sportgeräte verständlich. Ganz ab-

gesehen davon, hat nicht jeder das goldene Händchen fürs Segelfliegen. Mit 200 km/h und mehr herumzubolzen sei damit nicht gemeint. Die grosse Energiemenge, die uns heute zur Verfügung steht, lässt Grosssegler fast beliebig oft steigen. Zur Höhe Sorge tragen und nach Aufwinden suchen ist damit weniger gefragt als der ultimative Reiz des schnellen Fliegens bis hin zum Geschwindigkeitsrausch. Dazu werden die Profile dünner, die Flügel stabiler und die Ruderanlenkungen immer aufwendiger. Nun, die schnellen Grosssegler-Piloten seien damit nicht stigmatisiert oder gar verurteilt. Worauf ich aber als gelegentlicher Segelflieger hinweisen möchte, sind die mit dem Speedfliegen verbundenen Risiken. Die Unfallgefahr auf den beliebten Hangflugplätzen ist hinlänglich bekannt. Viel mehr
Bedenken habe ich bezüglich des Erhalts unserer Fluggelände. Speedfliegen mit Grossseglern ist attraktiv für den Piloten. Ob aber Nachbarn – soweit es sie gibt – oder Wanderer die-

se Begeisterung teilen, wage ich zu bezweifeln. Auch ohne hochdrehende Propeller können die edlen Orchideen ordentlich rauschen oder pfeifen. Geräusche, die bei Unbeteilig-
ten Angst auslösen und Aggressionen wecken können. Klar, wir haben noch immer das Glück, Plätze benutzen zu können, wo niemand gestört wird. Dass wir aber schöne Fluggelände verlieren könnten, wäre sehr bedauerlich und meisten nicht mehr rückgängig zu machen. Ich mahne zur Vernunft!
Die oben beschriebenen Vorteile des Elektroantriebs für Grosssegler wurden in den letzten Jahren noch zusätzlich verfeinert. Der Bodenstart mit Grossseglern ist ohne Wenn und Aber eine wunderbare Sache. Unabhängig von einem athletisch durchtrainierten Werfer, einem geniosen Katapult oder einer Schleppmaschine abzuheben gehört zu den höchsten Gefühlen. Da trotz zweistufiger Fahrwerke Propeller mit kleineren Durchmessern, dafür mit wesentlich höheren Drehzahlen eingesetzt werden müssen, kann hier kaum mehr vom «leisen Segelflug» gesprochen werden. Abhilfe können Klapptriebwerke schaffen, wobei die früheren Druckpropeller kaum Verbesserungen brachten.

Klapptriebwerke auf sehr hohen Türmen oder Pylonen versprechen mehr. Grosse, langsamer drehende Propeller werden sofort leiser. Ob sich die einziehbaren Impeller-Turbinen durchsetzen werden, wage ich zu bezweifeln; denn sie bringen ihre Leistung erst ab einer relativ hohen Flugge-
schwindigkeit, was gerade während der Startphase alles andere als ideal ist. Moderne Impeller sollten eigentlich leise sein, was leider nicht immer zutrifft. Eine weitere schöne Nebensache ist die Telemetrie. Vario, Geschwindigkeit, Motortemperatur, GPS usw. Ob Piloten während eines Fluges
gleichzeitig mehr als zwei bis drei Daten ablesen und entsprechend verarbeiten können, ist fraglich.
Nun, auch auf diesem Modellfluggebiet gibt es Genies. Ich gehöre nicht dazu; freue mich aber immer auf schöne Flüge mit grossen, wunderschönen Semi-Scale-Seglern.

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