Modellflug-Nachwuchsförderung als Verbundaufgabe der Generationen
Kaum ein Sportverband kann es sich heute leisten, nicht grossartige Jugendleitbilder und Jugendkonzepte zu entwickeln – möglichst bei jedem Führungswechsel neue. Für die Umsetzung und die praktische Jugendarbeit sind die «Alten» zuständig – ausser bei grossen Verbänden mit Profi-Jugendtrainern. Leitbilder und Konzepte bleiben in den meisten Fällen Sonntagschulgeschichten, ausser wir Erwachsenen krepeln die Ärmel hoch.
Die erwachsene Generation hat gegenüber unserer Jugend je länger, je mehr ein Glaubwürdigkeitsproblem. Dank Internet und Glotze wissen wir heute alles – nur nicht so genau. Wir können überall mitreden und fühlen uns als Experten für alles. Wir sind in der Lage, das Können eines Fussballers genauso zu beurteilen wie die F3A-Kunstflugfigur eines Weltbesten. Und wir lassen nichts aus, all dies «fachmännisch» zu kommentieren und nicht weniger zu kritisieren. Eltern kritisieren die Lehrerin ihres Kindes und empfehlen ihr aufgrund der neuesten Erkenntnisse aus der Gruppendynamik oder der Entwicklungspsychologie, wie sie ihren Sprössling zu behandeln habe. Selten genug wird uns bewusst, dass uns die Jugend längst durchschaut hat und über ein feines Gefühl für unsere Widersprüche und Schwächen verfügt. Mit geradezu analytischen Fähigkeiten spüren sie das Auseinanderklaffen zwischen Empfehlen/Befehlen einerseits und unseren Taten andererseits – oder kurz: zwischen Reden und Handeln – auf. Der Vater, der selber weder wettkampfmässig Fussball gespielt noch im Kunstflug herausragende Leistungen nachweisen kann, oder die Mutter mit dem gruppendynamischen Kurs beim Jugendamt, die bei jeder Gelegenheit genervt ihre Kinder ankräht. Unsere heile Welt bricht dann in den Augen der Jugend vollends zusammen, wenn sich herausstellt, dass unsere Autorität nicht auf Sozialkompetenz, Können und Leistungen beruht, sondern allein auf Alter und Macht. Dies untergräbt nicht nur unseren Erziehungsauftrag – noch schlimmer: macht uns erpressbar.

Young SilentWings 2008 im Fliegermuseum Dübendorf
Bereits zum zweiten Mal führten das Fliegermuseum Dübendorf und die Modellflug-Region Nordostschweiz gemeinsam in der ersten Woche der Sommerferien einen Elektro-Modellflug-Workshop für Jugendliche im Oberstufenalter durch.
Gearbeitet wurde in zwei Niveaugruppen: Die Anfänger realisierten das Baukastenmodell Canary oder den Depron-Segler Scout. Sie wurden mit dem gesamten Material ausgerüstet, bestehend aus Bausätzen, Fernsteuerung, Elektroantrieb inkl. Batterie und Ladegerät. Die Fortgeschrittenen konstruierten und gestalteten ein Flugzeug aus Depron nach eigener Fantasie und brachten ihre RC-Anlage mit. Die kompletten Antriebskomponenten bis hin zum Ladegerät waren auch da im Kursgeld inbegriffen. Theorie, ein Modellflugsimulator sowie die Besichtigung der JU 52 durften nicht fehlen.

Schon allein aufgrund der Tatsache, dass Erwachsene und Jugendliche im Alltag in ihren verschiedenen Welten leben – hier Beruf und Arbeit, dort Schule und Ausbildung, kann sich unsere direkte Vorbildfunktion kaum auf mehr als auf die Freizeit konzentrieren. Erwachsene, die sich ihre Freizeit aktiv gestalten und nicht passiv an den Bildschirmen vorflimmern lassen, können ganz unspektakulär und auf die natürlichste Art der Welt Vorbildfunktion wahrnehmen. Diese beruht ganz und gar nicht auf grossartigen Taten. Im Gegenteil. Entscheidend ist unsere Einstellung zu unserem Tun. Trotz der immer vielfältiger werdenden Sport- und Freizeitangebote liegt genau in diesem Punkt die grosse Chance des Modellflugs. Entscheidend ist: Nicht reden, sondern vormachen! Der bekannte Seminarlehrer und Pädagoge Arthur Brühlmeier schrieb einmal:
«Damit ist dem Erzieher zugleich der Weg gezeigt, wie er zu einer immer tragfähigen Autorität kommen kann: durch Ernstnehmen seines eigenen Lebensauftrages, durch Entfaltung seiner eigenen Menschlichkeit.»

Jugendförderung im Modellflug ist eine Verbundaufgabe von Jugendlichen und Erwachsenen. Begeisterung und Entdeckungslust bewegen Berge.
Im Gegensatz zu den eher athletisch ausgerichteten Sport- und Freizeitaktivitäten nehmen im Modellflug immer mehr Senioren wichtige Aufgaben der praktischen Jugendförderung wahr. Sie bringen ein gewaltiges und unbezahlbares Potenzial an Berufs- und Lebenserfahrung ein. Viele von ihnen haben im Beruf jahrelang Führungs- und Instruktionsaufgaben wahrgenommen. Dies kommt in einem technisch orientierten Hobby wie im Modellflug ganz besonders zur Geltung. Nach meinen jahrelangen Beobachtungen kann ich zudem feststellen, dass diese Leute kaum je mit disziplinarischen Problemen zu kämpfen haben – sie sind eben natürliche menschliche und fachliche Autoritäten. Wenn wir erwachsenen Menschen unser Hobby nicht nur mit dem Portemonnaie, sondern mit Herz, Verstand und auch Handwerk betreiben, dann bewirken wir eine ganzheitliche und damit glaubwürdige Ausstrahlung. Dies hat schon immer einen positiven Einfluss auf die Jugendlichen gehabt – wir Erwachsenen sind für die Jungen «einschätzbar» geworden.
Noch vor Jahren, als sich die Zurückstufung der handwerklichen und musischen Fächer an unserer Volksschule abzuzeichnen begann, sah ich darin auch eine grosse Chance für den Modellflug. Fast war ich euphorisch! Denn wir können mit unserem handwerklichen Schaffen auf hohem Niveau – nicht selten bis hin zur eigentlichen Handwerkskunst – eine Ergänzung zur Schule anbieten. Heute hat mein früherer Optimismus allerdings der Ernüchterung Platz gemacht: Wir müssen an unseren Modellbaukursen immer mehr grundlegende handwerkliche Verrichtungen lehren. Konnten wir früher aufgrund der schulischen Handarbeiten mit Karton, Holz und anderem z. B. voraussetzen, wie der Jugendliche ein Cutter in die Hand nimmt und einigermassen senkrechte Schnitte auszuführen in der Lage war, so müssen wir heute dies fast von Grund auf lehren. Das macht alles mühsamer und erschwert die Zielerreichung, ein fertiges Modell einfliegen zu können. Aus diesem Grund dürfen wir Modellbaukurse auf einfachstem Niveau, z. B. mit dem Bau eines Balsagleiters, keinesfalls vernachlässigen. Sie haben sozusagen als Modellbau-Grundstufe an Bedeutung gewonnen. Wer behauptet, dass es heute zwei «Sorten» von Modellfliegern gebe, nämlich solche, die (noch) bauen, und andere, die zum Fertigmodell greifen, hat nicht sehr viel begriffen: Für jedes attraktive ARF-Modell – sei es eine teure Kunstflugmaschine oder ein toller Grosssegler – wird der Besitzer viele Stunden für den Einbau der Antriebs- und Steuerungskomponenten aufwenden müssen. Dies ist nach meinem Verständnis anspruchsvollste technisch-handwerkliche Arbeit und funktioniert nie ohne ein hohes Mass an Know-how und Ausdauer. Sollte es Modellflieger geben, die nie die Herauforderung einer Reparatur auf sich nehmen, werden sie bald einmal ein Platzproblem haben ...

Leider kommen an unseren Schulen nicht nur die handwerklichen Fächer zu kurz, sondern immer mehr auch die Naturwissenschaften. Dass man auch in und mit den naturwissenschaftlichen Fächern eine Sprache lernen kann, darauf sind leider unsere «Oberpädagogen» noch nicht gekommen. Das ist in meinen Augen für unser Land eine Katastrophe. Diese sträfliche Einseitigkeit wird zum Bumerang für unsere Wirtschaft: Mangel an technischen Fachleuten vom Handwerker/Operateur bis hin zu den Ingenieuren und Ingenieurinnen ist das Resultat. Naturwissenschaften und Technik sind grosse Abenteuer und wären an den Schulen mindestens so motivierend zu vermitteln wie der Subjonctif imparfait! Nach wie vor verdienen wir unser Geld nicht allein mit dem Herumschieben von Geld (das oft nicht einmal vorhanden ist), sondern auch mit der Entwicklung und Produktion von Industriegütern. Die Schweiz als technisches Innovationsland – wie lange noch? Für den Modellflug ist dieser «gezüchtete» Mangel an Verständnis für naturwissenschaftlich-technische Zusammenhänge ein grosser Nachteil. Trotz (Fast-)Fertigmodellen bleibt Modellflug ein technisches Hobby. Je weiter wir dieses entwickeln, desto anspruchsvoller. Der Schritt vom Anfänger hin zum Fortgeschrittenen wird damit erschwert.
Jugendleitbilder und -konzepte nützen nur dann etwas, wenn wir Erwachsenen bereit sind, anspruchsvollste Bildungs- und Erziehungsaufgaben wahrzunehmen. Da wir Erwachsenen immer davon ausgehen müssen, dass uns die Jugendlichen durchschauen, dürfen wir dies keinesfalls tun, nur um Statuten und Verbandsziele abhaken zu können bzw. Karrierechancen wahrzunehmen. Wir müssen uns ganz und mit voller Überzeugung hinter diese Aufgabe stellen. Nachwuchsförderung ist eine typische Verbundaufgabe von Jugendlichen und Erwachsenen. Es braucht immer beide – nichts geht ohne den anderen.

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