Eine kleine Zeitreise
Ein Weltrekordmodell nachzubauen, das wäre doch ein interessantes Projekt!
Ein Segelflugmodell, mit dem ein Dauerflugweltrekord erzielt wurde, dies ohne Fernsteuerung, denn wir schreiben das Jahr 1944.

Das Interesse und die Absicht, dieses Modell zu bauen, hatte ich schon einige Jahre.
Auch die Baupläne besitze ich seit längerer Zeit. Unzählige Male habe ich die Pläne studiert und wieder auf die Seite gelegt. Viele Fragen zur Bauweise drängten sich auf. Auch eine Bauanleitung gibt es nicht, lediglich die Baupläne, die selbsterklärend sind.
Unzählige Bauteile müssen präzise aus Flugzeugsperrholz angefertigt werden. Das filigrane Gerippe des Modells zum Schluss mit Seide bespannen und Spannlack behandeln, ohne dass sich die Bauteile verziehen, ist eine weitere Herausforderung. Ein solch aufwendiges Antikmodell habe ich bisher noch nie gebaut. Doch die Neugier, das Modell, ausgestattet mit einer Fernsteuerung, zu fliegen, weckte definitiv meine Neugier. Auch alte Bautechniken wieder neu zu entdecken, das hat seinen Reiz! Bautechnisch ist dies eine Zeitreise zurück in das Jahr 1941, das Konstruktionsjahr des G-41.
Der Rekordflug wurde durch Traugott Haslach anlässlich des regionalen Ausscheidungsfliegens der Region 5 Zürich

am 4. Juni 1944 in Bülach erzielt. In der August-Ausgabe 1944 der «Aero Revue», erschien ein ausführlicher Bericht zum Weltrekordflug.
Der Schweizer Emil Glünkin (1908–2004) war in den 1940er-Jahren, der Blütezeit des Schweizer Modellfluges, ein sehr bekannter Flugmodellkonstrukteur. Er entwarf unter anderem auch das Segelflugmodell Aroser 36. Dieses Modell trug den Namen G-36. Somit dürfte das G für Glünkin und die 36 oder die 41 für das Konstruktionsjahr stehen.
Seine Modellkonstruktionen waren genial und sehr erfolgreich. Emil Glünkins modellfliegerische Fähigkeiten und Qualitäten waren sehr eindrücklich. Vom Aero Club Schweiz wurde er auch als Bauplanprüfer eingesetzt. Dies war sozusagen die Qualitätssicherung für die Flugmodellpläne. Später wurde Emil Glünkin zum Ehrenmitglied der Region 5 ernannt.

Alle Spanten und Rippen sind sehr sauber gezeichnet. Der Rumpf sowie die Tragflächen sind einzeln auf einem Blatt dargestellt. Für den Rumpf ist nur der vordere und hintere Bereich gezeichnet. Auch für die Tragfläche wurden nur der Wurzelbereich sowie der Flügelabschluss dargestellt. Für die damalige Zeit reichte diese zeichnerische Darstellung völlig aus. Man wusste eben, wie solche Modelle gebaut werden. Das notwendige Wissen zum Bau von Flugmodellen wurde damals in Baukursen der Modellfluggruppen und an den Schulen vermittelt.

Auf der 3-Seiten-Ansicht sind 3 Varianten für die V-Form sowie 2 Varianten für die Grundform der Höhenruder und der Flügelabschlussform dargestellt. Aus ästhetischen Gründen entschied ich mich für die doppelte V-Form und die nach vorne verrundeten Abschlussformen der Flügel und des Höhenruders. Auf dem Bauplan ist dies die Variante G-41A.
Das Modell wurde ursprünglich, der damaligen Zeit entsprechend, als Freiflugmodell konstruiert. Fernsteuerungen, wie wir sie heute in unseren Modellen einsetzen, waren damals schlichtweg unvorstellbar! Um nun eine Fernsteuerung einzubauen, müssen vor dem Bau-

beginnt noch diverse konstruktive Anpassungen gemacht werden. Der Einbau und die Zugänglichkeit zu den 2 Servos, Empfänger und Akku muss gelöst werden. Denn sobald der Rumpf bespannt ist, ist die Zugänglichkeit etwas eingeschränkt. Um die Anlenkung und die Umlenkmechanik zum Seiten- und Höhenruder zu testen, baute ich vorgängig ein einfaches Funktionsmodell. Das Seitenruder und das Höhenruder werden beidseitig mit Radioskala-Schnur angelenkt. Die damals für Freiflugmodelle übliche Steckzunge zur Flügelbefestigung wird durch einen hochkant stehenden Flachstahl ersetzt.
Die Herstellung der Rumpfspanten und Rippen ist eine reine Fleissarbeit. Mit et-

was Übung lässt sich das dünne Flugzeugsperholz sehr schön und effizient bearbeiten. Sehr genaues Arbeiten zählt sich spätestens beim Rumpfaufbau auf der Helling aus. Als ehemals gelernter Werkzeugmacher konnte ich mich wieder im genauen Arbeiten beweisen! Mit dem Einsatz einer Dekupiersäge, Teller-schleifmaschine und dem zur Tischfräse umgebauten Dremel-Handscheifgerät lassen sich alle Bauteile gut herstellen. Die Flügelrippen sind im Blockverfahren hergestellt. Die Aussparungen in den Rippen und Spanten werden vorgesägt und auf der Tischfräse mit dem Einsatz eines kleinen und sehr scharfen Hartmetallfräsers fertig bearbeitet. Sämtliche Schlitz in den Spanten und Rippen werden mit Nadelfeilen auf die nötige Passgenauigkeit für die Kiefernleisten bearbeitet. Zur Herstellung aller Bauteile braucht es nicht unbedingt eine teure CNC-Fräsmaschine. Altbewährtes Handwerk und die nötige Portion Ausdauer funktionieren auch!

mer den gleichen Abstand auf. Der ganze Aufbau des Flügels und des Höhenruders erfolgt im klassischen Modellbau. Auf dem Baubrett wird der Plan aufgelegt und mit Folie geschützt. Anschliessend beginnt hier das Aufsetzen der Rippen auf den unteren Holm. Nach dem Einsetzen des oberen Holms wird fortlaufend zwischen den Rippen die Holmverkastung eingebracht. Für die Verbindungen der Rippen und Kiefernleisten mit den Holmverkastungen wird Weissleim eingesetzt.
Den kompletten Aufbau des Modells in sämtlichen Einzelheiten und Schwierigkeiten zu beschreiben würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Die Reihenfolge im Aufbau des Rumpfes und der Flügel muss gedanklich selbst erarbeitet und festgelegt werden.
Aber das ist ja auch gerade das Interessante an unserem Hobby, den Lösungsweg selbst zu erarbeiten und sich am Schluss am Resultat zu erfreuen. Mit dem Einbau der 2 Servos des Empfängers und des Akkus ist der Bau des Rumpfes abgeschlossen. Hier ist wichtig, alles funktionsfertig eingebaut zu haben. Für eine gute Zugänglichkeit zur Empfangsanlage ist seitlich am Rumpf ein Deckel angebracht.
Nach einer längeren Bauphase konnte das Modell im Rohbau komplett aufgebaut werden.
Der Aufbau des Rumpfes erfolgt auf einer Helling. Genaues Ausrichten der Rumpfspanen ist hier sehr entscheidend. Mit dem Einsetzen und dem Verleimen der Kiefernleisten nimmt der Rumpf sehr rasch Gestalt an. Für die Formgebung des Seitenruders müssen die Kiefernleisten gewässert, verleimt und anschliessend in Formschablonen eingespannt werden. Nach dem Austrocknen bleiben die Leisten in der gewünschten Form und können spannungsfrei verbaut werden. Die Rumpfnase ist aus Lindenholz geformt und inwendig mit einem Hohlraum zur Aufnahme von Trimmblei ausgestattet.
Den Plan für den linken und den rechten Flügel sowie für das Höhenruder habe ich kurzerhand auf CAD neu gezeichnet. Auf dem Originalplan sind lediglich die Flügelwurzel und der Flügelabschluss gezeichnet. Zwischen Flügelwurzel und Flügelabschluss weisen die Rippen im-

doch ein absoluter Stilbruch. Somit entschied ich mich für eine klassische Seidenbespannung, auch mit der Gewissheit, dass dies mit einem nochmaligen grossen Arbeitsaufwand verbunden ist. Nach dem Kauf der Pongé-05-Seide, diese wird auch Fallschirmseide genannt, konnte das Bespannen in Angriff genommen werden. Übrigens, die Seide ist beim Künstlerbedarf Boesner in Rollen von 10 m mal 1,4 m erhältlich.
Zur Bespannung von Flugmodellen mit Seide findet man in der Fachliteratur und im Internet unterschiedliche Tipps und Vorgehensweisen. Das Gleiche gilt auch zum Mischverhältnis von Spann-

lack und Verdünner. Meist wird die Seide nass auf das Gerippe aufgelegt, leicht gespannt und mit unverdünntem Spannlack an den Endleisten und Nasenleisten fixiert.
Nach dem Trocknen der Seide erfolgt die mehrmalige Behandlung mit Spannlack.
Um meine eigene Strategie zur Bespannung mit Seide festzulegen, baute ich aus überzähligen Rippen kurzerhand einen Testflügel als Übungsobjekt. An diesem Übungsobjekt trainierte ich das Aufbringen der Seide, das Fixieren und anschliessende Lackieren mit Spannlack. Meine Strategie sieht nach diversen Versuchen wie folgt aus: Die Webrichtung der Seide sollte quer zu den Rippen verlaufen, dies ergibt eine bessere Spannung der Seide.
Die zugeschnittene Seide wird trocken auf die Flügelunterseite aufgelegt. Mit unverdünntem Spannlack wird die Seide zuerst an der Endleiste fixiert. Anschliessend die Seide leicht spannen und am unteren Holm und an der Nasenleiste mit Spannlack fixieren. Die Seide wird auf die Flügeloberseite gezogen und am oberen Holm und an der Endleiste mit Spannlack fixiert. Die einzige Überlappung der Seide ist somit auf der Unterseite der Endleiste und somit optisch kaum erkennbar. Im nächsten Schritt

wird die Seide mit Heissdampf aus dem Bügeleisen benetzt. Gleich danach wird mit Warmluft aus dem Haarföhn die Seide getrocknet. Die Seide spannt sich dadurch sehr leicht. Das Mischverhältnis des Spannlacks ist $2/3 Spannlack und $1/3 Verdünner.

Mit einem sehr weichen Pinsel wird der Spannlack aufgetragen. Sehr wichtig ist hier, in Längsrichtung zu den Rippen zu streichen, ansonsten streift man den Spannlack an den Rippen ab. Der Spannlack muss, um ein Durchtropfen durch die Seide zu vermeiden, sehr vorsichtig aufgetragen werden. Nach jeder Lackierung muss der Flügel auf dem Baubrett fixiert werden. Zwischen den einzelnen Spannlackanstrichen sollte der Flügel 2 bis 3 Tage auf den Baubrett fixiert trocknen. Dadurch wird ein Verzug des Flügels vermieden.

Nach 6 bis 7 Spannlackanstrichen ist die Seide schön gespannt. Die ganze Seidenbespannung gibt dem Modell eine zusätzliche Formfestigkeit und Stabilität.
Der Duft des Spannlacks weckt auch Erinnerungen an meine Jugendzeit. Beim Bespannen des kleinen Uhus von Graupner, dabei völlig unbeschwert, verbreitete sich der Duft des Spannlacks in der ganzen Wohnung aus. Um mich heute beim Arbeiten mit Spannlack vor dem Duft, oder besser gesagt vor den Dämpfen des Spannlack, zu schützen, trage ich immer eine Atemschutz-Halbmaske mit A2-Gasfilter. Wichtig ist auch, den Arbeitsraum gut zu lüften!

Das Modell habe ich, dem damaligen Zeitgeist entsprechend, sehr schlicht beschriftet.
Die Beschriftungen und die obligaten Schweizerkreuze habe ich auf dem Computer gestaltet und anschliessend aus Wasserschiebebildern selbst hergestellt. Zum Schluss erhielt das ganze Modell einen dünnen Schutzanstrich aus klarem Seidenmatt-Acryllack. Der Einbau der Fernsteuerung, das Kontrollieren der EWD sowie die Bestimmung des Schwerpunktes sind rasch erledigt. Auf dem Bauplan finden sich keine Angaben zur Schwerpunktlage. Die genaue Schwerpunktlage muss sowieso erflogen werden. Nach längerer Bauzeit konnte das Modell fertig montiert durch meinen Sohn Christian fotografiert werden.
Für den Bau des Modells habe ich einige Zeit an Handarbeit und Denkarbeit investiert.
Ich genoss aber das Arbeiten mit Flugzeugsperrholz, Kiefernleisten und Weissleim. Der Bau eines historischen Modells ist eben auch eine Zeitreise. Das Nachforschen zur Geschichte des Modells in alten Zeitschriften, Büchern und im Internet ist immer sehr spannend. Es ist erstaunlich, was es da jeweils zu entdecken gibt! Sicher auch ein interessanter Aspekt unseres Hobbys!
Bei möglichen Allergien auf GFK oder Balsaschleifstaub baut man am besten Modelle aus Flugzeugsperrholz und Kiefernholz! Das ist wesentlich angenehmer und gesünder!
Für mögliche Bauprojekte finden sich im Planarchiv der Interessengemeinschaft Albatros Oldtimersegelflugzeuge sehr spannende Modelle.
Nun freue ich mich auf den Erstflug und die kommenden Flüge in der Thermik! Selbstverständlich ist es ein Modell zum Geniessen und Fliegenlassen, das G-41 ist ja eigentlich ein Freiflugmodell! Über meine Flugerfahrungen und ob es mir gelingt, den damaligen Dauerflugweltrekord zu erfliegen, berichte ich gerne in einer späteren Ausgabe von «Modellflugsport».


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