Modellflug um Heliports
An diesem warmen Sommer- tag sitze ich mit meiner Crew am Mittagstisch. Drei Einsätze sind wir heute bereits geflogen und freuen uns auf die wohl- verdiente Stärkung zwischen den Einsätzen. Wir sitzen noch beim Kaffee, als der Alarm bei uns eingeht. «Rega 10, Sturz im Klettersteig Tälli, Rückenver- letzung, auf dem Flugplatz Meiringen ist der Rettungsspe- zialist Helikopter in 10 Minuten bereit zum Abholen», meldet uns die Rega-Einsatzleitung.
Unsere Rega-Basis wurde vor sechs Jahren von Gsteigwiler nach Wilderswil in die «Tiger- halle» des ehemaligen Militär- flugplatzes Interlaken verscho- ben. Die alte Piste liegt nur dreihundert Meter nördlich un- seres Heliports. Sie dient heute mitunter der Leichttest-Fliege- rei – dem Modellflug.
Beim Starten der Triebwerke betätige ich den Funk-Ruf, der unter anderem das Drehlicht aktiviert, welches den Modell- baukünstlern und -flugakroba- ten unseren bevorstehenden Abflug anzeigt. Während sich die Ärztin hinten im Helikopter bereitmacht, überwacht der Rettungssanitäter das Starten der Triebwerke. Bevor er vorne links in den Heli steigt, wirft er einen prüfenden Blick in die Luft und vergewissert sich, dass der Luftraum «sauber» ist und alle Modellflugzeuge am Boden und keine Gleit- oder Fallschirme im Abflugsektor zu erwarten sind.
Vor dem Abheben führe ich den «Before Take Off Check» aus und setze eine blinde Startmeldung auf der lokalen Flugfunkfrequenz ab. Ich ziehe am Kollektiv-Steuer – «Hover Check», der Da Vinci steigt senkrecht. Auf etwa zwanzig Metern Höhe melde ich «Deci- sion» – das heisst, alles ist in Ordnung, um in den Vorwärts- flug überzugehen.
Auf unserer Abflugroute über- queren wir den grossen Platz östlich des Heliports. Ähnlich wie die alte Piste dient auch dieser Platz gelegentlich Mo- dellfliegern als Start- und Landebahn. Unter den Modell- flug-Enthusiasten befinden sich oft auch ortsunkundige Personen, die nicht zwingend Kenntnis der Verhaltensverein- barung zwischen der Rega und der lokalen Modellfluggruppe Interlaken haben. Diesen Mo- dellflugfans und ihren fliegen- den Kunstwerken gilt unsere besondere Aufmerksamkeit beim Abflug. Glücklicherweise kam es bisher nie zu kritischer Annäherung.
Als wir Bönigen überfliegen, verlange ich beim Kontrollturm Meiringen die Bewilligung zum Einflug in dessen Kontrollzone (CTR) für die Landung auf dem Flugplatz. Wir schätzen die Kooperation mit den Flugverkehrsleitern der Skyguide sehr, denn sie gewähren uns oft Priorität – zugunsten und zum Wohl unserer Patienten.
Sieben Minuten nach dem Start heben wir mit dem Rettungsspezialisten Helikopter an Bord vom Militärflugplatz Meiringen ab und fliegen Richtung Gadmertal. Die Rettungsspezialisten Helikopter oder kurz RSH des Schweizer Alpen-Club SAC unterstützen die Rega-Crews bei Einsätzen in anspruchsvollem Gelände.
Fünf Flugminuten später schweben wir im oberen Drittel des Klettersteigs und suchen nach den beiden Bergsportlern. An verschiedenen Stellen im Klettersteig sind Zweiergruppen zu sehen. Allerdings gibt es keinen klaren Hinweis darauf, wer unsere Hilfe braucht. Die einen beachten den Helikopter kaum, die anderen winken freundlich oder schauen uns einfach nur zu.
Wir suchen den Klettersteig systematisch ab und entdecken im unteren Teil zwei Personen, die auf die Beschreibung der verunfallten Personen passen. Sinkend fliege ich eine Schlaufe und suche die beste Position, um den Heli optimal in den Wind zu stellen und uns zugleich eine gute Sicht zu Fels und Patient zu verschaffen. Und tatsächlich: Einer der beiden hält die gestreckten Arme in Luft und zeigt uns damit, dass sie Hilfe benötigen. Wenn nur mehr Leute wüssten, wie hilfreich diese Zeichen für uns Luftretter sind. Auch ein Nein-Zeichen – je ein schräg nach oben und ein schräg nach unten gestreckter Arm – ist uns sehr nützlich. Leider kommt es nur allzu oft vor, dass wir auch von den Hilfesuchenden selber entweder kein oder nur ein zweideutiges Zeichen erhalten.
Den Unfallort haben wir nun gefunden. Es folgt die Beurteilung der Situation und die kurze Absprache über das weitere Vorgehen. Klar ist: Es wird eine Windenaktion geben. Wir analysieren die Risiken. Sind Patient und Begleiter gesichert? Muss und kann sich der RSH vor Ort sichern? Gibt es objektive Gefahren für Mensch und Helikopter oberhalb dieser Stelle (Steine, Schnee usw.)? Gibt es lose Gegenstände in der Umgebung der Unfallstelle oder darunter, die durch den starken Abwind des Helikopters zum Risiko für andere werden könnten? Wie verhält sich das Verhältnis von Gewicht zur Leistung unserer Maschine? Habe ich genügend Leistungsreserve zur Verfügung für ein sicheres Schweben an Ort? Sind die Windverhältnisse akzeptabel? Was machen wir bei einer technischen Panne im ungünstigsten Moment? Wie fliege ich an, um eine gute Sichtreferenz zum Felsen zu haben, dabei den Helikopter möglichst gut in den Wind zu stellen und mir zugleich einen optimalen Fluchtweg offen zu halten?
Nach der Beurteilung all dieser Punkte fliege ich eine weitere Volte, um uns für die Windenaktion optimal zu positionieren. Unser Rettungssanitäter hat bereits in Meiringen den Platz gewechselt und agiert als Windenoperator. Der RSH wird als Erster am Windenseil zu den beiden Bergsteigern abgelassen. Nachdem er einen guten Sicherungspunkt gefunden hat, hängt er seine Sicherungsschlinge dort ein und meldet mir dies über Funk. Ich muss dies wissen, da denn der Helikopter nun für kurze Zeit quasi mit dem Felsen verbunden ist. Kurz darauf öffnet der RSH den Windenhaken und lässt ihn von sich wegschwingen. Nun ist der Helikopter wieder frei. Unsere Notärztin hängt sich kurze Zeit später auch am Windenseil ein und lässt sich vom Rettungssanitäter resp. Windenoperator punktgenau beim Patienten absetzen. Gemeinsam mit dem Rettungssanitäter fliege ich zu einem Zwischenlandeplatz, wo wir auf weitere Informationen von der Notärztin warten. Nach einer Weile höre ich den Funkruf des RSH: «Rega 10 von Fritz, wir sind in zwei Minuten bereit für die Windenbergung.» Wir fliegen zur Unfallstelle und die Notärztin kann den 60 Meter unter dem Helikopter hängenden Windenhaken entgegennehmen. Sie hängt das Horizontalnetz, in welches sie gemeinsam mit dem RSH den Patienten eingepackt hat, und sich selbst am Windenhaken ein und gibt uns das Zeichen zum Abheben. Behutsam setzen wir die beiden am Zwischenlandeplatz ab und fliegen zurück zur Unfallstelle, um auch den RSH und die Begleiterin des Verunfallten zum Zwischenlandeplatz auszufliegen. Dort angekommen, wird der Patient von der Notärztin und dem Rettungssanitäter medizinisch versorgt und auf den Transport ins Spital vorbereitet. Bald heulen die kräftigen Turbinen des Da Vinci wieder auf und wir heben in Richtung Interlaken ab. Diese Woche findet auf dem ausgedienten Flugplatz Interlaken ein Schlepplager mit Grossmodellen statt. Unsere Anflugroute führt hoch über die Flugplatzpiste zum Spital Interlaken. Der links neben mir sitzende Rettungssanitäter meldet mir, er sehe einen Segelflieger auf unserer Höhe (600 m über Grund!) in Richtung zehn Uhr. Erst beim zweiten Blick erkennen wir, dass es sich um ein grosses ferngesteuertes Modell handelt. Die Silhouette des Modell-Segelflugzeugs ist sehr fein und deshalb aus unserem Blickwinkel sehr schwierig zu erkennen. Wir fliegen mit etwa 120 Knoten. Bei dieser Geschwindigkeit haben wir gerade mal fünf Sekunden Zeit, einem dreihundert Meter vor uns fliegenden Objekt auszuweichen. Als ich meinen Blick wieder nach vorne richte, erschrecke ich massiv. Ich realisiere, dass wir direkt auf ein zweites solches Flugobjekt zufliegen. Sofort reisse ich das Steuer nach rechts und kann ihm relativ knapp ausweichen. «Mein Gott, das Ding ist ja riesengross», höre ich den Rettungssanitäter über das Intercom sagen. Wir hatten wirklich grosses Glück. Im Wissen darum, dass bereits ein Kleidungsstück im Heckrotor einen Helikopter zum Absturz bringen kann, wage ich mir nicht auszumalen, was ein Zusammenstoss mit einem Modellflieger für Folgen hätte. Das Modell-Segelflugzeug flog in zulässiger Höhe und unter VFR-Bedingungen.
Zwei Minuten nach dem Zwischenfall landen wir unverehrt beim Krankenhaus. Lang- sam erhole ich mich von der «Begegnung» mit dem Modell-Segelflieger und, obwohl ich sehr gerne fliege, ich bin zu diesem Zeitpunkt froh, wieder festen Boden unter meinen Füssen zu spüren.
Dank der sehr professionellen Betreuung im Spital Interlaken erholt sich unser Patient relativ rasch von seinen Verletzungen und kann dieses nach wenigen Tagen verlassen.
Damit auch in Zukunft in der Umgebung von Flugplätzen und Heliports der Luftraum durch kommerzielle, private und militärische Luftfahrzeuge wie auch durch Modellflieger genutzt werden kann, ist es wichtig, dass die gesetzlichen und lokalen Regeln eingehalten werden. Wir sind froh, wenn die Modellflieger in solchen Gebieten auch selber eine gute Luftraumüberwachung durchführen, vorausdenkend fliegen und von sich aus Annäherungen an bemannte Luftfahrzeuge vermeiden. Dadurch steigt die gegenseitige Akzeptanz und als wichtigster Faktor die Flugsicherheit. ■
Gilbert Ramseier
Helikopterpilot
Rega-Basis Wilderswil


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