Editorial

Das Märchen von den neuen Besen

von Emil Giezendanner
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Liebe Leserin, lieber Leser

Vor vielen Jahren betrieben einst ein paar Modellflieger einen kleinen Flugplatz mit einem Häuschen am Waldrand – leider nicht aus Lebkuchen – und einer sehr kleinen Hartbelagpiste. Wohl deshalb hat ein Heinzelmännchen, das es sicher gut meinte, eines Tages der Gruppe zwei sehr kleine Besen geschenkt. Der Verdacht, dass ein geplagter Familienvater, der die Besen seiner kleinen Kinder ins Häuschen «entsorgt» hat, lässt sich nicht abschliessend erhärten. Das Häuschen – eine architektonische Mischung aus Schwarzwaldhaus und Zürcher Grotto – besass einen niedrigen und schlecht zugänglichen Anbau. Ihn im Dunkeln aufzusuchen war, ohne mindestens dreimal fürchterlich den Näggel anzuschlagen, gar nicht möglich. Eines Tages müssen einem anderen guten Geist die beiden Besen wohl auf die Zwergnerven gegangen sein. Sei es, dass er fand, die beiden Kinder-

besen würden sinnlos Platz versperren, oder sei es, dass er gar die Piste wischen wollte und ab der beschränkten Wirkung seines Tuns, frustriert die Besen in die hinterste Ecke des Anbaus warf. Wie dem auch sei, ein weiterer hilfsbereiter Waldgeist, vermutlich ein Bergbau- oder Bauprofi, fand, dass die mittlerweile grösser gewordene Piste nur mit einem professionellen Strassenwischerbesen effizient gereinigt werden könne. Und, da das Wischen einer Piste so ganz allein für Waldgeister überhaupt nicht lustig sei, hat er spontan grad zwei dieser breiten Arbeitsgeräte beschafft. Doch auch mit diesen Superdingen schien sich die Story zu wiederholen. «Ich wollte die Piste wischen und habe keinen brauchbaren Besen gefunden», meinte ein vom Nitro zerfurchtes Wurzelmännchen leicht vorwurfsvoll, «ich habe nun zwei neue gekauft.» Tatsächlich standen da im Gerätehaus zwei

nigelnagelneue Besen. Nicht ganz so breit wie die vom Bergbaugeist – entweder hat es die Piste kürzer geschätzt oder seinem Bizeps weniger zugetraut. Immerhin schien sich die Idee, dass man mit Wischen zu zweit schneller und erst noch unterhaltsamer vorwärts komme, durchgesetzt zu haben. Wo sind denn bloss die ersten breiten Profibesen geblieben? Das Heinzelmännchen begann sich bereits ernsthaft Gedanken über einen Besen fressenden bösen Wolf zu machen, als ein weiterer Waldgeist mit einem «Urbesen» überraschte. Ein riesiges Ding, wie es früher die Bauern zur Reinigung ihres Hofplatzes brauchten und noch heute die Hexen auf ihm sitzend in der Walpurgisnacht am Himmel umherzubrausen pflegen. Tatsächlich war von all den früheren Besen nur noch einer übrig geblieben und, wie gesagt, zu zweit ... Nun, das war für ein altdgedientes Heinzelmännchen des

Guten doch zu viel, und es kroch unter Gefährdung seines Lebens in den Anbau. Was es da fand, übertraf die Vorstellungen sämtlicher Zwerg- und Waldgeister: Es ertastete leicht schaudernd nicht weniger als fünf Besen! Irgendein patentierter Spielverderber hatte wohl noch nie Besen gesehen und deshalb keine Ahnung gehabt, was mit den borstigen Dingern anzufangen sei, oder er fand das Befreien der Piste von Laub und Tannennadeln sei ohnehin sinnlos, da er selber nur mit den «Schaumstoffigen» herumgurke, und das ohnehin nur in der Geisterstunde; denn Nutzlosen wird immer in den Anbau geworfen – so ergings vermutlich all den Besen. Und die Moral von der Geschichte: Neue Besen sind gut, wischen ist besser!

Mit freundlichen Grüssen
Emil Giezendanner




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